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DER WEICHENSTELLER
brauchten wir Österreich-Ungarn noch nicht mit einem Fußtritt direkt indas Lager unserer Feinde zu treiben — und die Bulgaren auch nicht. Wirdürften dies um so weniger, als die habsburgische Monarchie in der bos-nischen Frage nicht nur das Vertragsrecht für sich habe, sondern auch indem im Juni von Iswolski an Aehrenthal gerichteten Schreiben für alleFälle eine sehr starke diplomatische Waffe besitze. Zum Krieg würde ich esganz gewiß nicht kommen lassen. Ich wäre nicht gewillt, den Österreichernein militärisches Vorgehen gegen Serbien oder gar gegen Rußland , natürlichauch nicht gegen Italien, zu erlauben. Ich würde Österreich nicht preisgeben,mich aber noch weniger von Österreich in einen europäischen Krieg hinein-ziehen lassen. Der Kaiser könne sich auf mich als Weichensteller verlassen.Ich traute mir das Geschick und die Kraft zu, die Weiche so zu stellen, daßder österreichische und der russische Zug nicht karambolieren würden. Dasgroße Vorbild, nach dem wir uns zu richten hätten, sei die BismarckscheTaktik während früherer Balkankrisen. Das Problem hege so: Wir dürftenÖsterreich-Ungarn mit seinen fünfzig Millionen Einwohnern, seiner starkenund braven Armee nicht verlieren, uns aber auch nicht von Österreich inkriegerische Konflikte hineinziehen lassen, die sich nach meiner Überzeu-gung schwer lokalisieren lassen würden und zu einem allgemeinen Kriegführen könnten, an dem wir gar kein Interesse hätten. Ich könne mir nichtim voraus die kaiserliche Erlaubnis für jeden Schachzug erbitten, den ichzu tun gedächte. Ich könne Seiner Majestät nicht einmal sagen, wie ich imeinzelnen zu operieren beabsichtige. Aber ich glaubte bestimmt, daß wir gutdurchkommen würden. Wir würden nach meiner Meinung mit verstärktemAnsehen aus dieser diplomatischen Kampagne hervorgehen.
Mein Einfluß auf Wilhelm II. war damals noch so stark, daß ich ihnTlironrede im nach einer anderthalbstündigen Unterredung völlig umgedreht hatte. ErPreußischen überheß die weitere Behandlung der bosnischen Krise vertrauensvollLandtag memer Einsicht. Er genehmigte sogar an demselben Vormittag den ihm vonmir vorgetragenen Entwurf der Thronrede, mit der am 20. Oktober derLandtag der preußischen Monarchie eröffnet werden sollte und deren Ein-gang ich wie folgt gefaßt hatte: „Ein Jahrhundert ist verronnen, seit Meinin Gott ruhender Vorfahr weiland König Friedrich Wilhelm III. durchErlaß der Städteordnung die Bürger Preußens zur Teilnahme an der Ver-waltung des städtischen Gemeinwesens berief. Mit dem Erlaß der Ver-fassung ist die Nation in die Mitarbeit auch an den Geschäften des Staatseingetreten. Es ist Mein Wille, daß die auf ihrer Grundlage erlassenen Vor-schriften über das Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organischeFortentwicklung erfahren, welche der wirtschaftlichen Entwicklung, derAusbreitung der Bildung und des politischen Verständnisses sowie derErstarkung staatlichen Verantwortungsgefühls entspricht. Ich erblicke