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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WAHLRECHTSREFORM IN PREUSSEN

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darin eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart." Der Kaiser sprachmir proprio motu den Wunsch aus, diese bedeutsame Thronrede selbst zuverlesen. Er wollte keinen Zweifel darüber lassen, daß er wie ich eine Reformdes preußischen Wahlrechts im Interesse nicht allein des Landes, sondernauch der Krone für wünschenswert und notwendig hielte. Ich sah natürlichvoraus, daß die Ankündigung der Thronrede die Konservativen erregenwürde, die sich bisher im Preußischen Abgeordnetenhaus gerade so als dieHerren fühlten, wie sich unter demselben Wahlrecht fünfundvierzig Jahrefrüher die Fortschrittler als omnipotent betrachtet hatten.Plus celachange, plus c'est la meme chose", heißt es in einem französischen Vaude-vüle. Ich hoffte aber damals, daß die Konservativen mehr Staatssinn undeine größere politische Einsicht an den Tag legen würden, als dies in derersten Hälfte der sechziger Jahre ihre politischen Antipoden getan hatten.Ich hoffte, daß die Konservativen die preußische Staatsräson höher stellenwürden als ihr noch dazu falsch verstandenes Parteiinteresse. Mit sorgen-voller Miene bei mir eingetreten, verließ mich der Kaiser in heiterer Stim-mung mit den Worten:Also ich kann in aller Ruhe meinen guten Auwi mit seiner von ihm so sehr gehebten Alix verheiraten und selbst nachWernigerode fahren und dort Hirsche schießen." Auwi wurde in der FamilieSeiner Majestät der vierte Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm ,genannt. Liebenswürdig, wohlerzogen, etwas weich, geistig nicht unbegabt,mit künstlerischen Neigungen, erschien er dem Vater besser für die Zivil-karriere geeignet als für das rauhe Handwerk der Waffen. Nachdem er seinReferendarexamen abgelegt hatte, sollte er nach der Auffassung SeinerMajestät Landrat, Regierungspräsident, Oberpräsident in Preußen undschließlich Statthalter der Reichslande werden. Prinz August Wilhelm hatte sich mit seiner hübschen Base Alix verlobt, der zweiten Tochter desHerzogs Friedrich Ferdinand von Glücksburg und der Prinzessin KarolineMathilde von Augustenburg. Die letztere war die älteste Schwester derKaiserin und ebenso gut und verständig wie diese. Selten wurde eine Eheunter anscheinend glücklicheren Auspizien geschlossen als die Verbindungzwischen Alix und Auwi. '

Bei der Hochzeitstafel am 22. Oktober 1908 hielt Kaiser Wilhelm II. eine gefühlvolle Rede, in der er seine hebe Alix, die Tochter des meer-umschlungenen Landes, feierte, die er mit offenen Armen aufnehme,denn sie würde ihrer Tante und Schwiegermutter, der Kaiserin, ein treueHelferin sein in allen Werken barmherziger Liebe. Er lobte seinen Sohnfür sein kurz vorher rühmlich abgelegtes Examen, durch das er seinemHause Ehre gemacht hätte und das ihm für seine Zivillaufbahn den Weggeöffnet habe. Die gute Kaiserin, der nichts höher stand als die ganz ehrbare,die legitime und dabei doch recht innige, recht zärtliche Liebe, die Liebe,