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noch so schönen Berlin , das auch äußerlich die bestgehaltene aller Städtewar. „Berlin est propre comme un salon", pflegte Donna Laura Minghettizu sagen, die Rom und Paris, London und Wien gleich gut kannte. Berlin gefiel nicht nur unseren Gästen, sondern erweckte bei denen, die es nochnicht kannten, Überraschung, Staunen und Bewunderung. Das Berlin derKaiserzeit mit seinem gewaltig pulsierenden Leben und seiner musterhaftenOrdnung, das größte Industriezentrum des Kontinents und dabei Residenzmit einem glänzenden Hofe und einer prachtvollen Armee, konnte sich sehenlassen. Und was den tieferbückenden Besucher noch mehr zum Nachdenkenanregen, ihm in noch höherem Grade Zustimmung und Beifall abgeAvinnenmußte, war die günstige Lage der arbeitenden Klassen wie des Mittel-standes, die Entwicklung der sozialen Fürsorge bei uns, wie sie ähnlich inkeinem anderen Lande auch nur annähernd erreicht worden war. Es warum diese Zeit, daß eine Deputation englischer Arbeiter, nachdem sie diedeutschen sozialen Einrichtungen studiert, die deutschen Arbeiter-verhältnisse geprüft hatte, einen deutschen Genossen mit dem unbefan-genen und vorurteilslosen Blick des Engländers frug: „Wofür agitiert ihreigentlich noch, ihr habt ja schon alles erreicht."
Bei der Eröffnung der Interparlamentarischen Konferenz hielt ich eineRede, in der ich mich gegen den Skeptizismus wandte, mit dem die Bestre-bungen der interparlamentarischen Zusammenkünfte hier und da behandeltworden waren. „Sie haben mehr erreicht, als anfangs angenommen wordenwar", rief ich den Teilnehmern an der Interparlamentarischen Konferenzzu, „und Ihr Erfolg hat von Jahr zu Jahr zugenommen." Ich berief michauf das Zeugnis des Nestors der interparlamentarischen Kongresse, des ehr-würdigen Frederic Passy , den ich bei dieser Tagung der Interparlamen-tarischen Konferenz ebenso jugendlich, feurig und hochherzig wiedergetrof-fen habe, wie ich ihn fünfundzwanzig Jahre früher in Paris verlassen hatte.Ich erinnerte auch daran, daß Deutschland auf der Zweiten Haager Kon-ferenz ein auf das Schiedsgericht bezügliches Abkommen vorgeschlagenund unterzeichnet und den Entwurf unterstützt hätte, der auf die Er-reichung eines dauernden Schiedsgerichtshofes hinziele, dessen Annahmeden Mächten in einem Schlußprotokoll der Konferenz empfohlen wurde.Deutschland habe in verschiedenen Verträgen von dem Schiedsgerichts-verfahren Gebrauch gemacht. Wir hätten in eine große Zahl von Handels-verträgen die Schiedsgerichtsklausel obligatorisch oder mindestens fakul-tativ eingefügt. Wir würden an der Konferenz der Seemächte teilnehmen,die in einigen Wochen in London stattfinden solle. Unsere Mitwirkung seiim voraus für alle Vorschläge gewonnen, die mit dem Interesse der recht-mäßigen Verteidigung wie mit den unverjährbaren Gesetzen der Mensch-lichkeit vereinbar wären. Ein schlagender Beweis für das Interesse, das