VÖLKERVERSÖHNUNG
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Deutschland an diesem Werke der Völkerverständigung und Völker-versöhnung nehme, sei die wachsende Zahl der deutschen Abgeordneten,die an der Interparlamentarischen Vereinigung teilnehmen wollten. Ichwandte mich gegen die Auffassung, als ob Friedenshebe Mangel an Vater-landsliebe bedeute. „Es sind Patrioten", führte ich aus, „die sich bemühen,Konflikten vorzubeugen durch Bekämpfung der immer schädlichen Un-wissenheit, ungesunder Ranküne, des oft blinden Hasses, der nicht seltentrügerischen Ambitionen." Ich schloß mit den Worten: „Eine schon ziem-lich lange Erfahrung hat mir bewiesen: um Mißverständnisse zu zerstreuen,ist nichts so geeignet, als sich durch Anknüpfung persönlicher Beziehungenkennenzulernen. Ich weiß mich mit meinen Landsleuten einig, indem ichIhnen sage: Mögen Ihre Arbeiten fruchtbar sein, mögen sie nutzbringendsein für alle Völker, deren Vertreter uns die große Freude und die großeEhre erwiesen haben, nach Berlin zu kommen." Meine Rede wurde mehr-fach durch lebhaften Beifall unterbrochen, der Schluß mit allgemeinemHändeklatschen aufgenommen. Ich hatte mich, dem Beispiel des FürstenBismarck folgend, der französischen Sprache bedient, die mein großer Amts-vorgänger bei allen internationalen Zusammenkünften, insbesondere beimBerliner Kongreß, als Verhandlungssprache gebrauchte. Ich bin vonJugend auf des Französischen in Schrift und Wort ebenso mächtig gewesenwie des Deutschen, was ich für kein Unglück halte. Daß mein deutscher Patriotismus darunter nicht gelitten hat, konnte ich in einem langen Lebenhinreichend beweisen. Zwei Sprachen zu beherrschen, veredelt den Stilund klärt die Gedanken. Das oft zitierte Wort von Bismarck , Sprachtalentsei eine schöne Sache für einen Oberkellner, war, wenn es überhauptgefallen ist, natürlich eine Boutade. Ich möchte eher sagen, daß, wer sichin mehr als einer Sprache ausdrücken kann, dem Manne gleicht, der ausmehr als einem Fenster seines Hauses ins Freie zu bücken vermag. DerBeifall der Franzosen war besonders lebhaft. Der Franzose, wie alleRomanen ein geborener Redner, wird durch Erziehung und Tradition mehrals der Durchschnittsdeutsche auf die Wichtigkeit der Form hingewiesen,auf die schon von Aeschines und Demosthenes, von Quintilian und Ciceroeingeschärfte Wahrheit, daß dem Redner Pathos wie Geschmack zu Gebotestehen müssen, daß Geist und Witz eine Rede nicht verunzieren, daß, wieich schon einmal hervorhob, der Vortrag trotz allem, was der griesgrämigeund sich mit Selbstmordgedanken tragende Faust dagegen vorbringt, nichtnur des Redners Glück macht, sondern auch seinen Worten erst die wahreWirkung auf die Zuhörer gibt.
Am 18. Oktober 1908, dem Jahrestag der Schlacht bei Leipzig und dem Bismarck-Geburtstag unseres herrlichen Kaisers Friedrich, sollte die Aufstellung der f eier * n rferBüste des Fürsten Bismarck in der Walhalla bei Regensburg erfolgen. Ich Wal}lalla