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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOW BIETET RÜCKTRITT AN

redung veröffentlicht hat. Die englische Presse bespricht das Interviewüberwiegend in skeptischer, kritischer und ablehnender Weise. Maßgebendeenglische Persönlichkeiten, wie Lord Roberts und Sir Edward Grey , haben esabgelehnt, sich über dieses Interview überhaupt zu äußern. Die französi-schen und russischen Blätter benutzen die Gelegenheit zu heftigen Aus-fällen gegen Eure Majestät und die deutsche Politik. Vor allem ist diedeutsche Presse mit verschwindenden Ausnahmen der Ansicht, daß durchdas Interview unsere Politik und unser Land schwer geschädigt wordensind. Die Angriffe der deutschen Zeitungen sind ungerecht. Denn EureMajestät haben die Gnade gehabt, mir durch den Gesandten Freiherrn vonJenisch die Aufzeichnungen des englischen Autors zur Prüfung zu über-senden. Ich war damals in Norderney mit ernsten Fragen (Orientkrisis,Reichsfinanzreform, andere innere Angelegenheiten) überhäuft und habedeshalb das auf schlecbtem Papier sehr unleserlich geschriebene langeElaborat des Obersten Wortley nicht selbst gelesen, sondern zur Prüfungan das Auswärtige Amt geschickt. Ich gab hierbei die strikte Weisung,den Artikel auf seine Wirkung auf das sorgfältigste zu prüfen und mir zumelden, wo Änderungen, Zusätze, Weglassungen notwendig erschienen.Das Auswärtige Amt reichte mir das englische Manuskript mit einem Be-richt zurück, in dem es einige kleine Änderungen vorschlug, sonst gegen dieVeröffentlichung keinerlei Bedenken geltend machte. Im Sinne diesesBerichts schrieb der bei mir weilende vortragende Rat an den Gesandtenvon Jenisch. Wenn ich von dem Manuskript selbst Kenntnis genommenhätte, so würde ich Eure Majestät gebeten haben, die Erlaubnis zu derVeröffentlichung, zumal im gegenwärtigen Augenblick, nicht zu geben.Wenn Eure Majestät mein Verhalten darin mißbilligen, daß ich im Drangeder Geschäfte das englische Manuskript nicht selbst geprüft habe, und denvom Auswärtigen Amt bewiesenen Mangel an Umsicht mir zum Vorwurfmachen, so bitte ich alleruntertänigst, mich aus meiner Stellung entlassen zuwollen. Wenn ich aber das Vertrauen Eurer Majestät nicht verloren habe,kann ich nur bleiben, sofern ich in die Lage versetzt werde, den ungerecht-fertigten Angriffen gegen meinen Kaiserlichen Herrn offen und nachdrück-Uch entgegenzutreten. Eure Kaiserliche und Königliche Majestät muß ichdeshalb um die Erlaubnis bitten, in der ,Norddeutschen Allgemeinen Zei-tung' amtlich sagen zu dürfen, daß die gegen Eure Majestät in einem großenTeil der Presse erhobenen Angriffe vollkommen ungerecht sind, daß EureMajestät mir das Manuskript des englischen Autors zugesandt haben, daßich dasselbe dem Auswärtigen Amt hätte zugehen lassen und daß dieses nurgeringe Änderungen vorgeschlagen hätte."

Ad marginem dieses Immediatberichtes bemerkte der Kaiser, daß ichsein Vertrauen nicht verloren hätte und daß er mit der von mir in Aussicht