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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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STAATSKANZLER, NICHT HOFKANZLER

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Staats-ministeriums

Am Abend dieses Tages fand ein Diner bei mir statt, zu dem icb alleim Auswärtigen Ausschuß vertretenen Bundesratsmitglieder mit denpreußischen Staatsministern eingeladen hatte. Die würdigen Herren warenderartig erregt, daß sie nicht nur mir, sondern auch meiner sehr unpoliti-schen Frau heftig zusetzten, wobei sich namentlich der Staatssekretär desInnern, Herr von Bethmann Hollweg, durch seinen Eifer hervortat. Mitdem ihm eigenen feierlichen Pathos rief er meiner Frau zu:Sie müssenIhrem Herrn Gemahl, dem von mir so hochverehrten Fürsten, immer wiedersagen, daß er nicht Hofkanzler, sondern Staatskanzler ist." DerselbeBethmann hat später nie den Mut gefunden, meine Haltung in den No-vembertagen gegenüber dem Kaiser zu rechtfertigen oder auch nur zuverteidigen.

Besonders animos war die Stimmung im preußischen Staatsministerium.In der von mir zusammenberufenen Sitzung erklärten alle Minister, daß es Sitzung desdie Pflicht des Königlichen Staatsministeriums sei, Seine Majestät preußischenden Kaiser im Interesse, für das Wohl, ja vielleicht für die Rettung der preu-ßischen Monarchie auf das entschiedenste vor weiteren Fehlern zu warnen,ihm mehr Selbstbeherrschung, mehr Ernst anzuempfehlen, ihn auf dasVorbild seiner großen Ahnen, vor allem auf das Vorbild seinesHerrn Großvaters hinzuweisen. Der Kriegsminister von Einem führteaus, daß die Unzufriedenheit mit dem Verhalten und Gebahren desKaisers, mit den Auswüchsen des persönlichen Regiments, mit den kai-serlichen Temperamentsausbrüchen und Launen auch in Offizierskreisenmehr und mehr um sich greife. Das wirke demoralisierend, und darinhege eine große Gefahr. Gewiß seien ehrenhafte und ruhmvolle Tra-ditionen im Heere noch stark und lebendig. Das Offizierkorps würdeim Ernstfall zweifellos gegenüber dem Feind voll und glänzend seine Pflichterfüllen wie 1870, wie 1866, wie anno 13 und wie im Siebenjährigen Krieg.Aber das Ansehen des Königs, seine Stellung gegenüber dem Offizierkorpsseien doch nicht mehr so fest fundiert wie früher, und das durch die SchuldSeiner Majestät. Es habe militärisch mehr oder weniger begabte preußischeKönige gegeben, aber keinen, der sich so sehr nur inSoldatenspielerei",in falschen Manöverbildern, inalbernen Kinkerlitzchen", in reinenÄußerlichkeiten, in der Einführung neuer Uniformen und Griffe gefallen,der in dem ernstesten aller Ressorts, in der Armee, so sehr Schein und Wirk-lichkeit, Schale und Kern verwechselt hätte. Der Staatssekretär von Tirpitzsprach sich in gleichem Sinne aus. Die Marine, die Lieblingswaffe SeinerMajestät, denke ebenso. Sie sei gewiß dankbar für das besondere Inter-esse, das der Kaiser seiner Flotte entgegenbringe, für alles, was er für dieFlotte getan habe und noch tue. Aber es gebe wenig Marineoffiziere, dienicht der Uberzeugung wären, daß der größte Dienst, den der Kaiser wie