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DER KAISER WIRD SICH ZURÜCKHALTEN
friedliche und freundliche Beziehungen zu England wünscht, und ich kon-statiere, daß sich die Redner aller Parteien heute in gleichem Sinne aus-gesprochen haben. Die Farben sind auch zu stark aufgetragen an der Stelle,die Bezug hat auf unsere Interessen im Pazifischen Meer. Sie ist in einem fürJapan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben imFernen Osten nie an etwas anderes gedacht als dies: für Deutschland einenAnteil an dem Handel Ostasiens bei der großen wirtschaftlichen Zukunftdieser Gebiete zu erwerben und zu behaupten. Wir denken nicht daran,uns dort auf maritime Abenteuer einzulassen. Aggressive Tendenzen liegendem deutschen Flottenbau im Stillen Ozean ebenso fern wie in Europa .Im übrigen stimmt Seine Majestät der Kaiser mit dem verantwortlichenLeiter der auswärtigen Politik völlig überein in der Anerkennung der hohenpolitischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tat-kraft und militärische Leistungsfähigkeit errungen hat. Die deutsche Politikbetrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volk den Genuß undden Ausbau des Erworbenen zu schmälern."
Nachdem ich in dieser Weise die übelsten Äußerungen Seiner Majestätnach Möglichkeit glattgebogen und eingerenkt hatte — noch mehr, ichwiederhole es, noch viel mehr im Hinblick auf das Ausland, auf die Welt,als auf den Reichstag —, ging ich, als ich fühlte, daß sich die Gemüterunter dem Eindruck meiner Ausführungen allmählich einigermaßen be-ruhigt hatten, zu einer direkten Apologie des Kaisers und seiner Persönlich-keit über. „Dem Kaiser", rief ich dem Reichstag zu, „geschieht schweresUnrecht mit jedem Zweifel an der Reinheit seiner Absichten, an seineridealen Gesinnung und seiner tiefen Vaterlandsliebe." Und nun sprachich die Worte, die, nachdem der Sturm vorüber war, von Ohrenbläsern undSpeichelleckern, von Ränkeschmieden und Achselträgern benutzt wurden,um die Eigenhebe des Kaisers gegen mich aufzustacheln, die Worte, dieich damals mit voller Überzeugung gesprochen habe und von denen ichnoch heute überzeugt bin, daß sie unbedingt notwendig waren, um nichtnur den Reichstag , sondern auch das deutsche Volk zu beruhigen und ihmwieder Vertrauen einzuflößen, um zwischen Volk und Kaiser gegenseitigesVerständnis und Eintracht zu schaffen: „Meine Herren, die Einsicht, daßdie Veröffentlichung seiner in England geführten Gespräche die von SeinerMajestät dem Kaiser gewollte Wirkung nicht hervorgerufen, in unseremLande aber tiefe Erregung und schmerzliches Bedauern verursacht hat,wird, diese feste Überzeugung habe ich in diesen Tagen gewonnen, SeineMajestät den Kaiser dahin führen, ferner auch in Privatgesprächen jeneZurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politikund für die Autorität der Krone gleich unentbehrlich ist." Hier erscholl,namentlich auf der rechten Seite des Hauses, lebhafter Beifall. „Wäre es