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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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REDE BÜLOw"S

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Auch die Auslassungen des Freisinnigen Wiemer waren weder kalt nochwarm.

Nach Hermann Hatzfeldt ergriff ich das Wort*. Ich glauhe sagen zudürfen, daß ich im Parlament immer Verständnis für das gehabt habe,was die Italiener das Ambiente nennen, d. h. die Stimmung der Umgebung,in der man spricht, die Atmosphäre, die im Sitzungssaal herrscht. Ichfühlte, daß ich sehr ernst und sehr offen sprechen müsse, wie das übrigensdurchaus meinem inneren Empfinden entsprach. Ich hatte vor allem diePflicht, die durch die unbesonnenen kaiserlichen Äußerungen im Auslandehervorgerufenen Verstimmungen zu beruhigen, das in England, Rußland ,Frankreich, Japan neugeweckte Mißtrauen zu besänftigen. Ich führte aus,daß das, was der Kaiser über seine Verhinderung einer russisch -französi-schen Intervention im Burenkrieg erzählt habe, eine längst bekannteSache sei. Von einer Enthüllung könne keine Rede sein. Der Kaiser habeallerdings die Farben zu stark aufgetragen. Ich stellte auch die Geschichtemit dem Feldzugsplan richtig. Es habe sich nicht um einen ausgearbeite-ten und detaillierten Feldzugsplan, sondern um einigerein akademischeGedanken", umAphorismen" gehandelt. Als mich bei diesen Wortendas Gelächter der Sozialdemokraten unterbrach, erinnerte ich daran, daßwir uns in einer ernsten Debatte befänden. Die Dinge, über die ich spräche,seien ernster Natur und von großer politischer Tragweite. Ich bat,mich ruhig anzuhören, was dann auch geschah. Der Chef des General-stabs, General von Moltke, und sein Vorgänger, General Graf Schlieffen ,hätten erklärt, daß der Generalstab zwar über den Burenkrieg, wie überjeden großen oder kleinen Krieg, dem Kaiser Vortrag gehalten habe. Beidehätten mir aber gleichzeitig versichert, daß der deutsche Generalstab niemalseinen Feldzugsplan oder eine ähnliche auf den Burenkrieg bezügliche Arbeitdes Kaisers geprüft oder nach England weitergegeben habe. Diese meineFeststellung entsprach durchaus dem Sachverhalt. Tatsächlich war alles,was Wilhelm II. seinen englischen Freunden über seinen persönlichen An-teil an der Besiegung der armen Buren erzählt hatte, nur Geflunker ge-wesen. Ich führte weiter aus, daß manche Ausdrücke in dem Artikel desDaily Telegraph " nicht glücklich gewählt gewesen wären.Das giltzunächst", erklärte ich unter allseitigem und sehr lebhaftem Bravo,vonder Stelle, wo der Kaiser gesagt haben soll, die Mehrheit des deutschen Volks sei England feindlich gesinnt. Zwischen Deutschland und England haben Mißverständnisse stattgefunden, ernste, bedauerliche Mißverständ-nisse. Aber ich weiß mich einig mit diesem ganzen hohen Hause in der Auf-fassung, daß das ganze deutsche Volk auf der Basis gegenseitiger Achtung

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 134ff.; Reclam -Ausgabe V, 82ff.