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AUCH DIE KAISERTREUEN
kratische Partei werde mir keine besonderen Schwierigkeiten bereiten,mich auch nicht mit unnötiger Heftigkeit angreifen. Sie wünsche keinenKrieg und glaube trotz aller innerpolitischen Differenzen zwischen ihr undmir, daß unter meiner Leitung der auswärtigen Politik bei der derzeitigenverworrenen europäischen Lage der Friede am besten gesichert sei. DerFührer der Konservativen Partei, Herr von Heydebrand, sprach vielschärfer als Paul Singer. Er bezeichnete die in Deutschland herrschendeErregung als eine sehr große und sehr nachhaltige. Man würde dieser Er-regung nicht gerecht werden, wenn man lediglich an die letzten Veröffent-Uchungen anknüpfen wolle. Es müsse offen ausgesprochen werden, daß essich um einen Unmut handle, der sich seit Jahren angesammelt habe.Dieser Unmut herrsche auch in den Kreisen, denen es an Treue zu Kaiserund Reich bisher noch niemals gefehlt habe. Die im Auswärtigen Amt begangenen Versehen seien keineswegs das Wichtigste, sondern die Vor-gänge, die hinter dieser Veröffentlichimg lägen. Die Konservativen hättenauf das bestimmteste allem zugestimmt, was ich früher über die schwer-wiegende Frage ausgeführt hätte, wie weit ich die Verantwortung fürÄußerungen des Kaisers zu tragen imstande sei. „Aber ich weiß nicht",fuhr Herr von Heydebrand fort, „ob der Reichskanzler nicht selbst dieEmpfindung hat, ob er den Nachdruck immer in der gehörigen Weise indie Erscheinung hat treten lassen und daß das vielleicht noch entschiedenerhätte geschehen müssen und in der Zukunft geschehen muß, wenn Vor-gänge dieser Art verhindert werden sollen. Es wäre ungerecht, fuhr Herrvon Heydebrand fort, in diesem Augenblick zu vergessen, was FürstBülow in seiner Tätigkeit für das Deutsche Reich und das deutsche Volkgetan und geleistet habe. So stünden die Dinge nicht, daß man wegen einereinzelnen Frage mir nichts dir nichts auslöschen könne, was viel Arbeit,was viel Pflichttreue, was viel Geschick und viel Vaterlandshebe bedeutethabe."
Herr von Heydebrand schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daßdie Antwort des Reichskanzlers ehrlich, entschieden, aber auch eine Hoff-nung für die Zukunft sein würde. Die Rede des Führers der Reichspartei,des Fürsten Hatzfeldt, Herzogs von Trachenberg , erinnerte an die Limonadeder armen Luise Miller, die Ferdinand von Walter matt fand. Er begnügtesich mit der Versicherung, daß er die monarchische Gesinnung in den Vor-dergrund stelle. Auf diese wenigen Worte glaube er sich in dem gegenwär-tigen Stadium beschränken zu dürfen. Diese Ausführungen bewiesen, daßder edle Herzog noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, schließ-lich doch noch einmal den Eckplatz auf der Ministerbank im Reichstageeinzunehmen, und daß er sich seine wenn auch bescheidenen Chancen fürden Reichskanzlerposten an Allerhöchster Stelle nicht verderben wollte.