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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER GANZE REICHSTAG OPPONIERT

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Treiben im Lande keinen guten Eindruck mache, kam der Kaiser, schnellvon Entschluß wie er war und immer bereit und fähig, sich umzuschalten,auf den Einfall, der öffentlichen Meinung, wie er meinte,ein Paroli zubieten", indem er gerade an dem Tage, an dem im Reichstag die Inter-pellationen über das Kaiserinterview beantwortet werden sollten, am10. November 1908, dem anfänglich von ihm verspotteten, dann wenigbeachteten Grafen Zeppelin eine melodramatische Huldigung darbrachte,ihm den hohen Orden vom Schwarzen Adler umhängte, ihn dreimal umarmteund eine Rede an ihn hielt, in der er ihn, anno 1908, zum größten Deutschendes ganzen (eben angebrochenen) zwanzigsten Jahrhunderts proklamierte.

Am gleichen Tage begann die Reichstagsdebatte. Die Nationalliberalen,die Freisinnigen, die Sozialisten, die Deutschkonservativen und die Reichstags-Reichspartei hatten Interpellationen eingebracht. In würdigen, maßvollen DebatteWorten eröffnete der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann , dieDebatte. Er hob hervor, daß der Reichskanzler während seiner Amtszeitund insbesondere gegenüber der bedrohlichen bosnischen Krisis eine Politikder Sachlichkeit und Festigkeit gemacht habe, eine Politik, die allgemeingebilligt werde. Bassermann protestierte gegen die unvorsichtige und ge-fährliche Behauptung des Kaisers, daß das deutsche Volk in seiner großenMehrheit nicht freundlich oder gar feindlich für England gesinnt sei. DerSchwerpunkt der ganzen Krisis, führte Bassermann aus, liege keineswegsin der Veröffentlichung, sondern in den Tatsachen:Auch wenn diese Ge-spräche nicht bekannt geworden wären vor aller Welt, in England laufensie von Mund zu Mund. Und wieviele andere Gespräche mögen in denArchiven fremder Nationen hegen!" Am Schluß seiner Ausführungenprotestierte Bassermann gegen die Behauptung des Kaisers, daß diedeutsche Flotte dazu bestimmt sei, Weltpolitik im Stillen Ozean zutreiben. Der Reichstag müsse feierlich erklären, daß das deutsche Flotten-gesetz einen defensiven Charakter habe, daß die deutsche Flotte zur Ver-teidigung unserer Küsten, unserer Flußläufe, unserer Küstenstädte be-stimmt sei. Vor allem liege der großen Mehrheit des verständigen und fried-liebenden deutschen Volkes Feindschaft gegen England wie gegen Japan durchaus fern.

Der Führer der Sozialdemokratie, Herr Singer, sprach sehr maßvoll.Vielleicht mit dem Hintergedanken, daß der Weizen der Sozialdemokratienur um so üppiger blühen würde, je mehr das Oberhaupt des Reichsseinem Naturell die Zügel schießen ließe. Es mögen aber auch wenigerparteiegoistische Motive mitgesprochen haben. Mein Freund Renvers er-zählte mir am Vormittag des 10. November, er sei zufällig am Abend vorhermit Herrn Singer in einem beiden befreundeten Hause zusammengetroffen.Singer habe ihm bei diesem Anlaß proprio motu gesagt, die Sozialdemo-