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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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KIDERLEN WIRD VERLACHT

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kühnen Ritt, der ihn mitten durch die feindlichen Vorposten führte, demKronprinzen die Meldung überbracht, wo am folgenden Tage, dem Schlacht-tage, Prinz Friedrich Karl seinem Vetter zu begegnen hoffe. Nach ihm betratder württembergische Demokrat Konrad Haußmann die Tribüne. Währendvieler Jahre haben neben dem in keiner Weise hervorragenden, aber red-lichen und gutmütigen Herrn von Payer, dem späteren Vizekanzler derletzten Ubergangszeit vor dem Umsturz, die Brüder Haußmann in derSüddeutschen Volkspartei eine gewisse Rolle gespielt. Konrad und Fried-rich Haußmann waren Zwillinge. Von Konrad Haußmann pflegte derKorrespondent derFrankfurter Zeitung ", August Stein, der, selbstDemokrat, es wissen mußte, zu sagen, daß er derjenige der Zwillinge wäre,der noch weniger politisches Verständnis besäße als der andere. Seine Redevom 11. November erhob sich nicht über das Plädoyer eines mittelmäßigenAdvokaten in einer schwäbischen Kleinstadt. Dann folgte nach einer ge-diegenen und relativ gemäßigten Rede des Sozialisten Heine ein unglück-liches Intermezzo, dessen unfreiwilliger Held mein Freund Kiderlen war.

Da ich Kiderlen als einen starknervigen und dreisten Mann kannte, derin keiner Weise auf das Maul gefallen war, so hatte ich ihn gefragt, ob erNeigung verspüre, für das viel und damals überwiegend mit Unrecht an-gefochtene Auswärtige Amt ein paar Worte zu sagen. Kiderlen ging sofortund mit Vergnügen auf meine Anregung ein und ergriff am Schluß derSitzung vom 11. November das Wort. Was er sagte, war sachbch gar nichtübel. Er sprach auch weit fließender als Tschirschky, der Erbprinz vonHohenlohe-Langenburg, Stübel, Jagow und andere Herren, die vor ihmoder nach ihm für das Auswärtige Amt das Wort ergriffen haben. Aber ervergriff sich im Ton. Als er erklärte, er sei ermächtigt, den Herren imReichstag mitzuteilen, die Regierung gedenke die verlangte Reform desAuswärtigen Amts damit einzuleiten, daß sie dem Reichstag Vorschlägefür Vermehrung des Personals machen werde, entstand allgemeine Heiter-keit. Seitdem haben wir gesehen, daß republikanische Regierungen inDeutschland im Auswärtigen Amt keine durchgreifenden Reformen vor-genommen, wohl aber die Zahl der Beamten verdoppelt und verdreifachthaben, um Parteigenossen unterzubringen, ohne daß damit im Parlamentirgendein Widerspruch erweckt worden wäre. Der arme Kiderlen erregteaber noch größere Heiterkeit, als er nicht nur die Gewissenhaftigkeit derBeamten des Auswärtigen Amts und ihre Arbeitsfreudigkeit rühmte,sondern auch die Vortrefflichkeit unserer Büros, die man uns im Auslandenicht nachzumachen vermöge. Das Gelächter wurde schließlich so groß,daß Kiderlen seine Rede nicht zu Ende führen konnte. Das hatte aber nochandere Ursachen als die sachlichen Argumente des Redners. Der DeutscheReichstag hat vor der November-Revolution von 1918 nie Stürme und

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