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SEINE GELBE WESTE
Ausschreitungen erlebt, wie sie das französische und das italienische Parla-ment bisweilen gesehen haben, aber seine Stimmung wurde von Zeit zu Zeitulkig. Es gibt keinen richtigeren Ausdruck, um sie zu kennzeichnen, eineStimmung, wie sie, wenn die Fidelitas beginnt, auf deutschen Studenten-kommersen, auf Liebesmählern in Offizierkorps, auf Vereinsfesten im alten,fröhlichen Deutschland herrschte. Der Mißerfolg von Kiderlen war auch aufseine prononciert schwäbische Aussprache und, horribile dictu, auf die vonihm getragene gelbe Weste zurückzuführen.
Während sich das Haus noch in dieser nicht gerade würdigen Stimmungbefand, wurde ich von verschiedenen Seiten gebeten, nach Kiderlen nocheinmal das Wort zu ergreifen, um wieder, aber noch eingehender als amvorhergegangenen Tage, die Angriffe gegen den Kaiser zurückzuweisen.Ich hatte schon am Abend des vorhergehenden Tages für alle Fälle einigeSchlußworte in dieser Richtung an Hammann diktiert, der ebenso wieLoebell mir riet, in diesem Sinne und auf diese Weise die Debatte zu be-endigen. Mein Stellvertreter im Reich, Herr von Bethmann, riet mir drin-gend ab. Ich würde den ganzen großen Erfolg vom vorhergegangenen Tagein Frage stellen, wenn ich wieder das Wort ergriffe. Ich habe später öftershören müssen, daß Bethmann Hollweg mir absichtlich einen schlechten Ratgegeben hätte. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es heutenicht, obwohl ich inzwischen manche Illusionen über Bethmann Hollwegverloren habe. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß ich am 11. November1908 recht gehabt habe, nicht noch einmal zu sprechen. Freüich ist diesesmein wohlüberlegtes Schweigen gerade von denjenigen, die während desSturms sich in ihren Mauselöchern versteckt hatten, benutzt worden, umdem Kaiser einzureden, ich hätte ihn wirkungsvoller und wärmer ver-teidigen müssen. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dieselben Intriganten,wenn ich wirklich noch einmal das Wort ergriffen hätte, Seiner Majestätgesagt haben würden: die Wirkung meiner ersten Rede sei dadurch paraly-siert worden, daß ich mit meiner bekannten Neigung, dem Reichstag beijeder Gelegenheit Rede zu stehen und meine oratorischen Leistungen be-wundern zu lassen, Seine Majestät überflüssigerweise neuerdings in denMittelpunkt der Debatte gestellt hätte. Ich wiederhole nochmals: Ich würdemit einer zweiten Rede den Eindruck der ersten abgeschwächt haben.Das Land hätte darin nur eine Verbeugung vor dem Kaiser gesehen, unddas Land wünschte, daß der Kaiser seine Regierungsweise ändere. DasLand hätte sein damals großes Vertrauen zu mir verloren. Endlich würdeeine neue Rede von mir natürlich neue Repliken aus dem Hause hervor-gerufen haben, und die Debatte wäre uferlos geworden. Ich tat wohl daran,nicht zum zweitenmal zu sprechen, zumal bei der augenbhcklichen Stim-mung, in der sich das Parlament befand.