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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE HULDIGUNG FÜR ZEPPELIN

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Meine Rede vom 10. November wurde von der rechtsstehenden deut-schen Presse mit Beifall aufgenommen. Die sozialdemokratische Pressewarf dem Reichstag vor, daß er keine ausreichenden Garantien zur Beseiti-gung des persönlichen Regiments gefordert und sich von Bülow habe hinterdas Licht führen lassen. Das leitende Wiener Blatt,Die Neue Freie Presse ",schrieb über die Sitzung des Deutschen Reichstags:Fürst Bülow , der nie-mals einen sympathischeren Eindruck gemacht hat als in dem Augenblick,da er in einer der schwierigsten Situationen war, in der sich ein Staatsmannüberhaupt befinden kann, hat nicht als Höfling, sondern als ein für dieGeschäfte verantwortlicher Staatsmann gesprochen." Der PariserFigaro"meinte:Le discours du Prince de Bülow semblera un peu etrange danssa forme brutale ä peine voilee par quelques precautions de langage.Mais il faut reconnaitre qu'il correspondait ä une Situation non moinsetrange et ä peu pres sans precedent. Le ministre n'avait qu'un moyen d'ensortir: la franchise entiere. Et il en a heureusement use." Die ganze englische Presse betrachtete meine Rede als Zeichen der freundschaftlichen Gesin-nung der deutschen Regierung für England und sprach die Hoffnung aus,daß das deutsche Volk diese Gesinnung teile. Die freimütige Kritik kaiser-licher Mißgriffe nicht nur in der deutschen Presse, sondern auch im Deut-schen Reichstag sei ein erfreuliches Zeichen für verfassungsmäßige Zu-stände in Deutschland und die Unabhängigkeit des deutschen Parlaments.

Kaiser Wilhelm II. ließ zunächst gar nichts von sich hören. Von seinerUmgebung hörte ich, daß seine Stimmung einerseits stark erregt, anderer- Fortdauer derseits recht beklommen wäre. Seine Niedergeschlagenheit wurde dadurch Kritik in dererhöht, daß die dem Grafen Zeppelin dargebrachte kaiserliche Huldigung Jdurch ihre Übertreibungen die von Seiner Majestät erhoffte Wirkung aufdas deutsche Volk nicht gehabt hatte. Die Mehrzahl der Deutschen fand esan und für sich ganz erfreulich, daß der Kaiser sich zu einer gerechtenWürdigung des unermüdlichen, unerschrockenen, nie verzagenden Bahn-brechers der Luftschiffahrt durchgerungen hatte. Aber dieselben biederen,verständig-nüchternen Deutschen schüttelten den Kopf, wenn sie in derauf Allerhöchsten Befehl sofort durch Wolff verbreiteten Ansprache anZeppelin lasen:Es dürfte wohl nicht zu viel gesagt sein, daß wir heuteeinen der größten Momente in der menschlichen Kultur erlebt haben.Ich danke Gott mit allen Deutschen , daß er unser Volk für würdig erachtete,Sie den Unseren zu nennen." Als diese wieder mindestens exzentrischeRede am 11. November in Berlin bekannt wurde, machte sie im Reichstagkeinen guten Eindruck. Auch im Lande wurde sie als neuer Beweis man-gelnden inneren Gleichgewichts aufgefaßt. Inzwischen fuhr die nicht-deutsche Presse fort, sich über die Persönlichkeit, das Auftreten und dieRegierungsweise des Deutschen Kaisers mit einer bis dahin noch nicht

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