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DIE VERWUNDBARSTE STELLE
alle Fragen, die jetzt den Gegenstand leidenschaftlicher Beschwerden undKlagen bildeten, ja schon oft besprochen hätten. Der Kaiser erwiderte mitnatürlichem und offenem Ausdruck: „Gewiß, Sie haben mir das alles vor-ausgesagt." Dann frug er zögernd und mit sichtlicher Besorgnis: „Aber wasnun ? Was wird ? Kommen wir durch ?" Ich erwiderte, daß ich daran nichtzweifle, wenn Seine Majestät sich nur entschlösse, künftig größere Vorsichtund Zurückhaltung zu beobachten. Das gelte namentlich für das Feld derauswärtigen Politik: die „Hunnenrede" und die „Dreizackrede" wärenbedenklicher gewesen als das natürlich auch nicht löbliche SwinemünderTelegramm oder die Schwarzseher-Rede. Der Scherz mit dem „Admiral ofthe Atlantic" und der direkte Brief an Lord Tweedmouth hätten mehr ge-schadet als gelegentliche Boutaden unter Landsleuten.
Der Kaiser nickte zustimmend. Er wolle, äußerte er, „ganz gewiß" sichvon jetzt an mehr in acht nehmen. Er wolle es auch vermeiden, die Leutevor den Kopf zu stoßen. „Worüber haben sich denn die Menschen so ge-ärgert ?" Ich erwiderte, daß die unbestreitbare Verärgerung nicht auf poli-tische Momente zurückzuführen wäre. Ich wies auf sein allzu absprechendes,allzu heftiges Auftreten gegenüber der modernen Richtung in Kunst undLiteratur hin. Gerade in diesem Punkte sei der Deutsche gar empfindlichund lasse sich nicht von oben in diese oder jene Richtung stoßen. Hierprotestierte der Kaiser zum erstenmal. Gegen Liebermann und Haupt-mann Stellung zu nehmen, halte er nicht nur für sein Recht, sondern fürseine Pflicht, denn solche Menschen vergifteten die Seele des deutschenVolkes. Ich entgegnete, daß Max Liebermann doch einige recht schöneBilder gemalt und Gerhart Hauptmann , Denker und Dichter in einer Per-son, manches tiefe und ergreifende Stück von bleibendem Wert auf dieBretter gebracht hätte, welche die Welt bedeuteten. Gegen Talent undGenie zu kämpfen sei immer mißhch. Jedenfalls würde der Kaiser in diesemStreit unterliegen, wenn er Liebermann nur Knackfuß und Hauptmannnur den Major Lauff entgegenzuhalten habe. Die „Netzflickerinnen" unddas „Altmännerhaus" von Liebermann würden immer Bewunderer finden,„Hannele" und „Die versunkene Glocke", „Die Weber" und „FlorianGeyer" Hauptmanns noch lange Herzen rühren und bewegen. Ich sagte dasohne Schärfe, im leichten Gesprächston, unter Bezugnahme auf frühereUnterredungen mit Seiner Majestät über dieses Thema. Ich fühlte abersogleich, daß merkwürdigerweise hier die verwundbarste Stelle war, undlenkte die Konversation auf die für mich ja auch erheblich wichtigerenFragen der Politik.
Ich wies in langem Vortrag auf die Schwierigkeiten hin, die in dem bevor-stehenden Winter zu überwinden wären. Innerpolitisch stehe die großeReichsfinanzreform im Vordergrunde, deren Erledigung eine absolute Not-