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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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AUDIENZ IN POTSDAM

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Mitglied des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, Mr. Harcourt, gegen denhalb feigen, halb chauvinistischen" Lärm der englischen gelben Presseprotestiert. Er erklärte:Innerhalb der letzten zehn oder fünfzehn Jahrehat es keine Zeit gegeben, und ich spreche mit Wissen und Bewußtsein dervollen Verantwortlichkeit, in welcher unsere Beziehungen zu Deutschland auf festerem und freundschaftlicherem Fuße gewesen sind als heute.Wenn in beiden Ländern eine kleine Schicht von Publizisten vorhanden ist,die infolge selbstsüchtiger, unpatriotischer Absichten kriegerische Wünschehegen, so sind sie Straßenräuber der Politik und Feinde des Menschen-geschlechts. Halten Sie den Kopf kühl, die Flotte bereit und die Zungehöflich, und Sie brauchen das Gekläff dieser Pariahunde nicht zu fürchten,welche die Hütte beschmutzen, in der sie wohnen." Ich hatte dieses Ent-gegenkommen benutzt, um meinerseits im September 1908 in einer vomStandard" wiedergegebenen Unterredung mit dem friedlich und deutsch-freundlich gesinnten engKschen Schriftsteller Sidney Whitman, der inDeutschland im Vitztumgymnasium zu Dresden erzogen worden war unddem Fürsten Bismarck wiederholt als Sprachrohr gedient hatte, dasdeutsch - englische Verhältnis freimütig, aber natürlich mit gebotenemTakt, in einer Tonart zu besprechen, die in England günstig aufgenommenworden war.

Als Wilhelm II. im November 1908 endlich wieder in Potsdam einge-troffen war, erbat ich eine Audienz, die mir der Kaiser am 17. November Bülow beiim Neuen Palais bewilligte. Seit unserer langen Unterredung vom 31. Ok- Wilhelm Itober hatte ich direkt nur zwei Lebenszeichen von ihm erhalten. Durch denGesandten von Jenisch ließ er mir telegraphieren, es würde bei Besprechungder ,,Daily-Telegraph "-Angelegenheit viel zu wenig Gewicht darauf gelegt,daß der Wunsch der Veröffentlichung nicht von uns, sondern von eng-lischer Seite ausgegangen wäre und daß in England die Meinung vorge-herrscht hätte, die Veröffentlichung würde den Interessen der deutsch-englischen Beziehungen dienen. Am Vorabend der Reichstagsdebattetelegraphierte mir Seine Majestät in englischer Sprache, ich möge nicht ver-gessen, daß auch hinter der schwärzesten Wolke ein silberner Sonnenstrahlverborgen wäre. Am 17. November 1908 traf ich den Kaiser auf der Ter-rasse vor dem Neuen Palais. Die Kaiserin stand neben ihrem hohen Gemahl.Sie ging mir rasch einige Schritte entgegen und sagte mir leise:Seien Sierecht gut zum Kaiser, recht milde. Er ist ganz gebrochen." Dann fordertemich der Kaiser auf, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten. Dort ange-langt, setzten wir uns. Der Kaiser sah in der Tat recht niedergeschlagen aus.Er war namentlich sehr blaß. Er erwartete offenbar von mir eine großeStrafpredigt. Es wäre geschmacklos gewesen, ihm in diesem Augenblickeine solche zu halten. Ich begnügte mich, zu bemerken, daß wir alle Punkte,