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DER ÜBERFLÜSSIGE LUXUS
arm, um nicht der Versuchung zu unterliegen, es unseren reichen Nachbarnin Wohlleben und Luxus gleichzutun. Ich will es offen aussprechen. Es istbei uns eine Zeit des Luxus, der Überschätzung des materiellen Genusseseingerissen, die jeden mit ernster Sorge erfüllen muß, dem das höchsteGut unseres Volkes, seine intellektuelle Kultur, am Herzen liegt. Wirmüssen alle in unserer ganzen Lebenshaltung zurück zu größerer Einfach-heit." Als mich Zurufe von den Sozialdemokraten unterbrachen, erwiderteich: „Ich nehme niemanden aus. Eine einfache Lebenshaltung ist würdiger,sie ist vornehmer, und gerade den Deutschen kleidet sie besser." Ich er-innerte daran, daß von jeher Reichtum ein Mittel zur Macht gewesen ist.Er werde das mit jedem Jahrzehnt mehr, weil mit jedem Jahrzehnt diewirtschaftlichen und industriellen Beziehungen und Abhängigkeitsver-hältnisse wichtiger würden für die internationalen Beziehungen und für dieGruppierung der Völker. Ich rühmte die mir aus meinem langen Aufenthaltin Frankreich wohlbekannte, bewunderungswürdige Sparkraft der Fran-zosen , die „force d'epargne" des einzelnen Franzosen und der einzelnenFranzösin, die uns in dieser Beziehung ein nachahmenswertes Beispielgäben. Ich forderte die Fachmänner auf, diese meine Ausführungen auspersönlicher Kenntnis und Erfahrung im einzelnen zu ergänzen und zubereichern. Ich betonte unter dem Beifall der Sozialdemokraten, daß meineMahnung über den überflüssigen Luxus sich in erster Linie an die mittlerenund an die höheren Stände richte. Ich ging auch hier von meinen persön-bchen Erfahrungen aus, und ich erinnerte daran, wie einfach es in Bonn auf unserem Kasino zugegangen wäre, als ich dort als Leutnant bei denKönigshusaren gestanden hätte. Als diese Reminiszenz von einem Teil desHauses mit Heiterkeit aufgenommen wurde, wiederholte ich noch einmal,daß dies ein sehr ernstes, ein trauriges Kapitel sei: Es sei des deutschenVolkes, es sei seiner kulturellen Größe, es sei seiner ruhmvollen geistigenGeschichte unwürdig, daß solche gesellschaftliche Sitte oder vielmehr Un-sitte, welche die gesellschaftliche Schätzung zu einer Frage des Geldesmache, solche soziale Moral oder vielmehr Unmoral hätte aufkommenkönnen. Ich schloß mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, daß derReichstag die Dringlichkeit und die Größe der ihm gestellten Aufgabeerkennen, daß die Vertreter der Nation diese Aufgabe so erfüllen würden,wie es eines großen, friedlich vorwärtsstrebenden und starken Volkeswürdig wäre.
Nach mir ergriff der neue Staatssekretär des Reichsschatzamts SydowDebüt das Wort. Ich muß hier gleich bemerken, daß seine Wahl keine glückliche,des Staats- sondern ein Mißgriff von mir war. Als ich die Unerläßlichkeit einer gründ-sekretärs {[q^^ Finanzreform und damit einer für damalige Begriffe erheblichenSteuervermehrung erkannt hatte, war mir klargeworden, daß diese Aufgabe
Sydow