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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE SCHULDENWIRTSCHAFT

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stellte einen deutschen Kürassier dar, mit blankem Pallasch und Helm,aber in abgerissener Uniform, der einem hochmütig, mit abwehrender Gestevorübergehenden Fremden bettelnd die Hand entgegenstreckt, ein Bild,wie sich unsere Finanzlage und damit unsere Verteidigungsfähigkeit,unsere Schlagfertigkeit in weiten Kreisen des Auslandes darstelle. Hierliege eine Gefahr, und diese Gefahr zu überwinden, hänge ganz allein vonuns ab. Wir wollten und müßten diesmal ganze Arbeit tun. Kein Menschin der ganzen Welt zweifle daran, daß das deutsche Volk stark genug wäre,die für eine gründliche Reichsfinanzreform erforderlichen Lasten zu tragen.Jedermann wisse, daß in Deutschland jahraus, jahrein über drei Milliardenin Bier, Wein und Branntwein versoffen würden, daß der Deutsche diebilligsten und preiswertesten Zigarren der Welt rauche. Der Tabak wärebei uns mit etwas über 1 Y 2 Mark pro Kopf belastet, in Österreich mit fast5 Mark, in Großbritannien mit über 6 Mark, in Frankreich gar mit fast8 Mark! In Deutschland entfielen an Abgabe auf Bier auf den Kopf derBevölkerung kaum 1% Mark, in Großbritannien dagegen über 6% Mark!An Branntweinsteuer betrüge die durchschnittliche Belastung auf denKopf bei uns etwas über 2% Mark, in Frankreich mehr als 6% Mark, inGroßbritannien 8% Mark! Dabei nehme der Reichtum in Deutschland er-freulicherweise gewaltig zu. Ich schätzte unseren jährlichen Zuwachs anNationalvermögen auf fast vier Milliarden Mark. Der Wert der Privatdepotsbei den Banken steige jährlich um 400 Millionen Mark. Allein in Börsen-werten würden jährlich in Deutschland etwa drei Milliarden aufgenommen.Dazu kämen 500 Millionen Mark Sparkassen-Neueinlagen und 225 Mil-lionen Einlagen bei den Genossenschaftsbanken. Ein solches Land seinicht arm, ein solches Land könne im Interesse seines Ansehens, seinerSicherheit noch weit stärkere Lasten tragen. Das alles sehe nicht nachBankrott aus, deute nicht auf Niedergang hin. Aber einen moralischenBankrott würden wir erleiden, wenn wir nicht endlich Wandel schafftenund mit der Schuldenwirtschaft brächen. Ich berief mich auf den mirbefreundeten freisinnigen Prorektor der Freiburger Universität, den Pro-fessor von Schulze-Gävernitz, der kürzlich erklärt habe, daß die deutsche Finanzmisere nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangeln-der Steuerwilligkeit beruhe. Ich berief mich auf meinen alten Gönner undFreund, den Professor Adolf Wagner, der von deutscher Steuerfilzigkeit"undSteuerknickrigkeit" gesprochen hätte.

Ich richtete an den Reichstag und über den Reichstag hinaus an dasdeutsche Volk gleichzeitig eine ernste Mahnung zu größerer Sparsamkeit.Ziemlich plötzlich reich geworden, glichen wir demjenigen Erben, der seineVerhältnisse überschätze, sich nicht einzurichten verstehe und nun wahr-nehme, daß er über sein Budget hinaus gelebt habe.Wir waren zu lange