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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELM II. WILL ABDANKEN

Der hohe Herr aher hatte schon im Frühjahr 1908, Monate vor demErscheinen desDaily-Telegraph "-Artikels, zu dem Kriegsminister vonEinem, der es mich, streng vertraulich, aher in guter Absicht und warnend,wissen ließ, unmutig geäußert:Bülow wird mir zu groß." Als durch dieReichstagsdebatte vom November 1908 sein überspanntes Selbstgefühlverletzt worden war und als Intriganten, Neider und Streber in diese Wundedas Gift der Verdächtigung und Verleumdung träufelten, wandte sich derKaiser erst von mir ab, dann gegen mich. Mir gegenüber trug er vorerstnoch die Maske des Wohlwollens und der Freundschaft.

Als ich mich in der Reichstagssitzung vom 19. November 1908 zumWorte gemeldet hatte, um die Vorlage zur Reichsfinanzreform zu begründen,flüsterte einer der Herren der Reichskanzlei mir leise zu:Seine Majestätder Kaiser läßt Eurer Durchlaucht durch den Kammerdiener Schulztelephonisch mitteilen, daß er die Absicht habe, abzudanken." Ich hattegerade noch Zeit, zu antworten:Telephonieren Sie sehr ernst zurück,man möge nichts überstürzen und jedenfalls die Feier im Rathaus abwarten,die übermorgen vor sich gehen wird." In diesem Augenblicke hörte ichschon die Stimme des Präsidenten:Der Herr Reichskanzler hat das Wort."Ich wies zunächst in großen Zügen auf die Grundlagen unserer inter-nationalen Stellung hin. Emporkömmlinge seien im allgemeinen nichtbehebt. Das Deutsche Reich, das jüngste Mitglied der europäischenStaatengemeinschaft, hätte seit seiner Errichtung im Ausland mehrRespekt und selbst Furcht als Zuneigung genossen. Deutschland , früherder bequeme Tummelplatz für fremde Einmischung, wäre eben ein unbe-quemer Konkurrent geworden. Auch Bismarck habe nicht verhindernkönnen, daß der Revanchegedanke in Frankreich nicht erlöschen wolle,daß in Rußland nach dem Türkenkrieg eine deutschfeindliche Welle ge-kommen sei. Es sei auch nicht ganz unnatürlich, daß unsere aus demWachstum unserer Bevölkerung und unserer produktiven Kräfte hervor-gegangene wirtschaftliche Expansion wenigstens bei einem Teil des engli-schen Volks die einst freundlicheren Gefühle allmählich in eine gewisseBesorgnis verwandelt hätte. Solche Gegnerschaften beruhten im letztenEnde auf elementaren Ursachen, wären aber nach meiner Über-zeugung in keiner Weise unüberwindlich. Manche Gegensätze werde dieZeit heilen oder mildern.Was wir brauchen, ist Kaltblütigkeit, Furcht-losigkeit, Stetigkeit, Ruhe nach außen und im Innern!" Unter Bewegungim ganzen Hause erinnerte ich an das tiefsinnige Bild unseres größtendeutschen Meisters, an jenes Bild von Albrecht Dürer , das einen Ritterdarstellt, der in voller Rüstung neben Tod und Teufel ruhig und kaltblütigdas Tal hinan reitet. Diesem Bild stellte ich ein anderes gegenüber, dasich vor einiger Zeit in einer französischen Zeitung gefunden hatte. Es