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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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AKKOLADE

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Als ich in das Arbeitszimmer eingetreten war, das neben dem Sterbe-zimmer des Kaisers Friedrich lag und dessen Tür mit einer hübschenMelodie auf und zu ging, hatte der Kaiser mir mit einem starken Hände-druck gesagt:Helfen Sie mir! Retten Sie mich!" Bevor ich das Zimmerverließ, umarmte und küßte er mich auf beide Wangen, was er nur zweimalgetan hat, diesmal und als er mir 1901 bei meiner Investitur mit dem hohenOrden vom Schwarzen Adler die übliche Akkolade erteilte. Während ichmich unter der Tür verbeugte, wiederholte der Kaiser zweimal:Ich dankeIhnen! Ich danke Ihnen von Herzen!" Als ich bei meiner Rückkehr ausdem Neuen Palais wieder im Reichskanzlerpalais eintraf, sagte ich zu meinerFrau, die mir in einem oft stürmischen Leben mit immer gleicher Treue undLiebe zur Seite gestanden hat:Den Kaiser und die Krone habe ich nocheinmal durchgebracht. Wie lange wir in diesem Hause bleiben, das ist eineandere Frage."

Achtundvierzig Stunden später begann im Reichstag die Beratung derReichsfinanzreform. Ich eröffnete sie mit einer Rede, die über zwei Rede zurStunden dauerte*. Reichsfin

Ich sprach, wie immer, ganz frei. Ich hatte mich monatelang mit re f ormden einschlägigen Fragen beschäftigt, sie im Kopfe hin und her gewälzt.Ich habe gelegentlich sagen hören, ich wäre bei der Reichsfinanzreform zuFall gekommen, weil ich nach meinem ganzen Lebensgang diese Materienicht genügend beherrscht hätte. Selbst gute Freunde haben mir gegenübergelegentlich gemeint, daß meine persönliche Gleichgültigkeit in Geld- undFinanzfragen bei meiner Behandlung der Reichsfinanzreform einen nach-teiligen Einfluß ausgeübt hätte. Diese Auffassung trifft nicht zu. Auch beider Vorbereitung wie bei der parlamentarischen Behandlung und Ver-tretung des Zolltarifs war ich weit davon entfernt, jedes Detail zu kennen.Ich habe schon einmal gesagt, daß es sich für einen leitenden Staatsmanngar nicht empfiehlt, in den Einzelheiten aufzugehen.Le detail est unevermine qui ronge les grandes choses." Ich wiederhole: Es ist nichtunerläßlich, daß ein leitender Mann jeden Baum im Walde kenne. Aberer soll und muß den Fehler vermeiden, den Wald vor Bäumen nichtzu sehen. Und aus Gründen, die unseren Fehlern wie unseren Vorzügenentspringen, verfällt der Deutsche leicht in den letzteren Fehler. Ichhätte die Reichsfinanzreform geradeso gut durchgebracht wie Zolltarifund Handelsverträge, wenn 1908/1909 die Konservativen eine so ver-ständige Haltung eingenommen hätten wie acht Jahre früher bei derTarifaktion und den Handelsverträgen und wenn der Kaiser fest hintermir gestanden hätte.

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 141 ff.; Reclam -Ausgabe V, 89ff.