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DER LAKAI DER KAISERIN
langweilig und deshalb wirkungslos. Während die Worte von seinen Lippenfielen wie die Tropfen eines stillen Landregens, verließ ich das Parlament.Als ich in der Richtung vom Reichstag nach dem Großen Stern ging, ummir die Beine zu vertreten und mich ein wenig zu erfrischen, näherte sichmir ein Herr, den ich als einen königlichen Lakaien erkannte, obwohl er inZivil, nicht in Livree war. Er übergab mir einen Brief. Ich erkannte aufder Adresse des Kuverts sofort die Handschrift der Kaiserin. Das Billettenthielt nur die wenigen Worte: „Ich möchte Sie sprechen. Alles Weiteredurch den Überbringer. V." Wir gingen nun zusammen weiter. WenigeMinuten später hielt mein Begleiter eine verschlossene Droschke an, mit derwir zum Potsdamer Bahnhof gelangten, von wo wir mit der Wannseebahn nach Potsdam fuhren. Wir benützten, um unerkannt zu bleiben, ein Abteilzweiter Klasse. Von Potsdam aus fuhren wir wieder in einer verschlossenenDroschke bis in die Nähe des Neuen Palais. Ihre Majestät die Kaiserinempfing mich im Erdgeschoß. Sie hatte rotgeweinte Augen, aber ihre Hal-tung war durchaus königlich. Sie frug mich sofort: „Muß denn der Kaiserabdanken? Wollen Sie, daß er abdankt?" Ich entgegnete ohne einenAugenblick der Besinnung mit größter Bestimmtheit, daß mir jeder solcheGedanke fernhege und daß ich die Abdankung auch in keiner Weise fürnotwendig hielte. Die Kaiserin setzte sich und bat mich, auch Platz zunehmen. Sie erzählte mir, daß der Kaiser einen „Nervenschock" erhttenhabe, einen „Kollaps". Das wäre schon früher dagewesen nach starken Er-regungen, z. B. nach seiner mißglückten Rede an die Brandenburger Herren, auch nach der Swinemünder Depesche an den Prinzregenten vonBayern . Diesmal sei es aber viel ärger. Der Kaiser habe sich zu Bett legenmüssen, mit Schüttelfrost und Weinkrämpfen.
Ich setzte nun der Kaiserin die Lage auseinander. Ich brauchte ihr nichtdie Gründe darzulegen, die zu der heftigen Erregung der öffentlichenMeinung geführt hatten, denn obwohl in felsenfester Treue und grenzen-loser Liebe ihrem Gemahl ergeben, machte sich die Kaiserin mit ihremfeinen Takt und ihrem ausgeprägten Bon sens keine Illusionen über diegefährlichen Seiten in der Natur ihres hohen Gemahls. Ich erklärte derKaiserin, und mit voller Überzeugung, ich könne ihr mit bestem Gewissendie Versicherung geben, daß der nach meiner Reichstagsrede schon im Ab-flauen begriffene Sturm bald vorübergegangen sein werde. Ich würde es zukeinerlei Verkürzung der verfassungsmäßigen und traditionellen Rechte derpreußischen Krone kommen lassen, darauf könne sie sich fest verlassen.Der Kaiser müsse freilich endlich ruhiger werden, vorsichtiger und be-sonnener im Auftreten, im Reden und Schreiben, in allem seinem Tun. Ichwürde es für sehr nützlich halten, wenn der Kaiser bei der Feier erschiene,die am 21. November, d. h. übermorgen, im Berliner Rathaus stattfände.