DER THRONERBE INFORMIERT SICH
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Die Kaiserin meinte, sie wisse nicht, ob Seine Majestät dazu übermorgenschon imstande sein würde. Ich entgegnete, der Kaiser sei eine Steh-auf-Natur. Wenn Ihre Majestät ihm gut zuspräche, werde er kommen und seineSache im Rathause sehr gut machen. Ich hätte ihm eine schöne Rede vor-bereitet. Als die Kaiserin mich entließ, schien sie getröstet und beruhigt.Ich kam auf demselben Wege, in derselben Weise völlig unerkannt wiedernach Hause, wo meine Abwesenheit gar nicht bemerkt, sondern auf einenlängeren Spaziergang im Tiergarten zurückgeführt worden war, wie ichsolche nicht selten unternahm, auch ohne Begleitung durch die mir bei-gegebenen wackeren Polizisten.
Am 20. November kam der Kronprinz zu mir. Er wußte ebensowenigwie sein Herr Vater, daß ich am Tage vorher im Neuen Palais vorgesprochen Besuch deshatte. Er kam, um sich über die Lage der Dinge zu informieren. Er war wie Kronprinzenimmer höflich und bescheiden, im Gegensatz zu seinem Herrn Vater mehrzögernd, mehr rezeptiv als perorierend. Ich merkte aber bald, daß er nichtungern wenigstens für einige Zeit die Zügel der Regierung ergriffen hätte.Während er sich über die überall hervortretende, gereizte, ja erbitterteStimmung weiter Kreise gegen Seine Majestät den Kaiser in vorsichtigen,aber doch durchsichtigen Wendungen verbreitete, stieg vor meinem Geistedie berühmte Szene auf, in der Shakespeare den Prinzen von Wales , dennachmaligen König Heinrich den Fünften, schildert, wie er, am Betteseines schlafenden Vaters, König Heinrichs des Vierten, sitzend, die aufdessen Kissen liegende Krone erblickt, sie ergreift, sie sich aufsetzt:
Hier sitzt sie, seht;Der Himmel schütze sie!
Der Kronprinz frag, ob ich glaube, daß der Kaiser, der namentlich vonMaximilian Harden , aber auch von anderen Seiten so maßlos angegriffenwerde, „ohne weiteres" fortfahren könne zu regieren, als ob nichts vorge-fallen wäre. Ob nicht eine Pause, und sogar eine längere Pause, wün-schenswert, ja notwendig sei? Ich erwiderte, daß meines Erachtens derKaiser schon morgen, geschweige denn in acht Tagen, sein hohes Amt inseinem ganzen Umfange wieder aufnehmen könne und werde. Wenn SeineMajestät der Kaiser und König künftig angemessen auftrete, werde er nichtmit verminderter, sondern mit vermehrter Autorität weiterregieren können.Die preußische Krone sei aus sehr festem Metall geschmiedet. Sie verkörpereeine fast fünf hundertjährige glorreiche Geschichte, stromweise sei für sie dasBlut des märkisch-preußischen Volkes genossen, von Fehrbellin bis Mars-la-Tour. Die deutsche Kaiserkrone, die Wilhelm I. mit Bismarck aus dem Kyff-häuser hervorgeholt habe, umgebe noch immer ein Zauber, ein Nimbus ohne-gleichen. Es müßten „ungeheure Dummheiten" gemacht werden, um diesen
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