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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MEINE STADT BERLIN "

Zauber, diesen Nimbus zu zerstören, diese Treue ins Wanken zu bringen.Der Kronprinz verließ mich mit etwas enttäuschtem Ausdruck. Wenn erin seinen Denkwürdigkeiten erzählt, daß er nach den Novembertagen alsStellvertreter seines Vatefs tiefe und ihn beunruhigende Einblicke in unsereRegierungsmaschine getan habe, so täuscht ihn sein Gedächtnis. Ich ent-sinne mich nicht, ihm in jener Zeit einen einzigen wirklich wichtigen Berichtunterbreitet oder einen bedeutsamen Vortrag gehalten zu haben. Jedenfallshabe ich, bevor der Kaiser völlig wiederhergestellt war, vom Kronprinzenkeinerlei Entscheidung von irgend größerer Tragweite erbeten.

Am 21. November fand im Berliner Rathaus die Hundertjahrfeier derDer Kaiser im preußischen Städteordnung statt. Der Kaiser erschien mit gewohnterBerliner Rat- Pünktlichkeit. Er sah noch immer blaß aus. Er begrüßte alle Anwesenden^ aus mit großer Freundlichkeit. Auf die Ansprache des Oberbürgermeisters er-widerte er nicht, wie dies bisher seine Gewohnheit gewesen war, in freierRede, sondern er nahm aus meinen Händen die von mir aufgesetzte Redeentgegen, die er mit kräftiger Stimme, ganz unbefangen vorlas. Es hieß indieser Ansprache:Der mit der Gewährung der Selbstverwaltung vonMeinem Ahn seinem Volk gegebene Beweis des Vertrauens und der damitverbundene Appell an die geistige und sittliche Kraft des Bürgertumshaben reiche Früchte gezeitigt. Echtes Gold wird klar im Feuer. Das echteGold deutscher Treue und Tüchtigkeit, welche die Bürgerschaft der Städteerfüllen, ist im Feuer der Befreiungskriege geklärt und in hundertjährigerernster, opferfreudiger Arbeit für das Gemeinwohl bewährt. Wenn nachden Worten des Preußenliedes nicht immer heller Sonnenschein leuchtenkann und es auch trübe Tage geben muß, so sollen aufsteigende Wolkenihre Schatten niemals trennend zwischen Mich und Mein Volk werfen. Gott segne Meine Stadt Berlin !" Die Rede wurde von allen Anwesenden, auchvon den linksgerichteten Stadtverordneten, mit Beifall aufgenommen. Alser seine Rede verlesen hatte, winkte mich der Kaiser zu sich und gab mirdas Manuskript der Rede wieder zurück, worauf er mir die Hand schüttelte.Er wollte zeigen, daß er sich als konstitutioneller Herrscher fühle.

Die Erregung, welche die Novemberereignisse im deutschen Volke her-vorgerufen hatten, zeigte sich auch in einer Flut von Briefen und Zu-schriften an mich, von denen ich nur einige wenige wiedergeben kann. Derverständige, sehr patriotische König Wilhelm von Württemberg telegra-phierte mir:Ich kann mir nicht versagen, meiner lebhaften Freude Aus-druck zu geben, daß Eure Durchlaucht auch fernerhin die Leitung der Ge-schicke unserer gemeinsamen Lande in Ihrer erprobten Hand behaltenwerden." Auch sein ausgezeichneter Ministerpräsident Weizsäcker gabseinerinnigen" Freude Ausdruck, daß ich an der Spitze der Reichs-geschäfte verbliebe. Die badische Regierung sprach mir ihredankbare