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von Kracht, ein Veteran von Siebzig und Ehrenbürger der Stadt Zerbst ,schickte mir eine Postkarte mit dem Bilde einer alten preußischen Fahne,die einer seiner Vorfahren geführt hätte. Er fügte hinzu, daß in seinenKreisen nur eine Stimme der Genugtuung herrsche, daß ich weiter an derSpitze bliebe. Ein alter würdiger Pfarrer aus Unterfranken dankte mir fürdie Mannestat, die ich im Reichstag wie im Neuen Palais unter Zurück-stellung persördicher Interessen zum „Wohl des Vaterlandes" vollbrachtund für das „unermeßliche Verdienst", das ich mir dadurch um Volk undMonarchie erworben hätte. Er fügte hinzu: „Mein Christenglaube, der michin dem Herrn aller Herren und König aller Könige den Lenker unsererGeschicke erkennen läßt, möchte Dank und Wunsch an Eure Durchlauchtin die Worte fassen: Der Herr segne Ihr ferneres Wirken zum Wohl desdeutschen Vaterlandes und gebe Seiner Majestät dem Kaiser und EurerDurchlaucht Kraft und Weisheit zu allem löblichen Tun." Ein deutscherProfessor aus der national alt- und vielumstrittenen Stadt Flensburg schrieb: „Aus dem schwarzen Tag wurde ein großer Tag, vielleicht Ihrgrößter. Zu den Hunderttausenden, die in Dankbarkeit und Bewunderungheute abend zu dem Staatsmann und Menschen aufschauen, gehöre auchich mit Frau und Kindern. Im Geiste ist mir ein Händedruck erlaubt."Aus dem Rheinland schrieb mir ein anderer Professor: „Möge Ihnen diefeste Zuversicht nicht fehlen, daß dasjenige, was Sie für Deutschland ge-leistet haben und leisten wollen, überall von verständigen Männern nichtnur der Jetztzeit, sondern auch in der späteren Geschichte gewürdigtwerden wird. Möge die Gottheit Sie schützen!" Er unterzeichnete: „EinDeutscher, abseits der Bierbänke und der Parteien, fern allem Byzantinis-mus, voll einer hohen und von Lüge und Äußerlichkeit völlig freienAchtung."
Während sich der Sturm der tiefgehenden Erregung im deutschen Volkallmählich beruhigte, besserte sich auch das körperliche Befinden SeinerMajestät. Am Tage nach der Rathausfeier ließ er mir noch telephonieren,ich möge ihm keine anderen Eingänge unterbreiten als solche, die auf seineVilla Achilleion in Korfu Bezug hätten. Von Politik wolle er nie wiederetwas hören. Einige Tage später schrieb mir Graf August Eulenburg, derKaiser sei schon wieder recht munter, er spiele ganz vergnügt mit seinenTeckeln. In dieser Beziehung konnte ich den Kaiser ganz verstehen. Ichmag alle Tiere, ich Hebe außer den Pferden besonders die Hunde und unterden Hunden neben dem Pudel die Teckel. Sie sind seit dem Beginn meinerglücklichen Ehe immer um mich gewesen. In St. Petersburg die kleine Erda,die wir in der Mochowaja begruben, wo sie schlief, während sich daszaristische Rußland in die Sowjet-Union verwandelte. Nach Bukarest undRom begleitete uns Waldi I, der seine letzte Ruhestätte im Garten des