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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MÖGLICHKEIT VON BÜLOWS RÜCKTRITT

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Möglichkeit meines Rücktritts ernstlich ins Auge fassen. Um so mehr warich bemüht, meinem eventuellen Nachfolger die außen- und innenpolitischenGeschäfte in möglichst gutem Stand zu hinterlassen. In der inneren Politikwollte ich einerseits Konservative und Liberale zusammenhalten, denn eserschien mir bedenklich, die Regierung nur auf die Ritter und auf dieHeiligen zu stellen. Gleichzeitig aber mußte durch eine gerechte, ver-nünftige und entgegenkommende Haltung nicht nur gegenüber der katho-lischen Kirche, dem Episkopat und dem Vatikan , sondern auch gegenüberdem Fühlen, Glauben und Empfinden des katholischen Teils des deutschenVolkes der Zentrumspartei deraditus ad pacem" offengehalten werden. Inder bosnischen Frage mußte die Krise zu einem Abschluß gebracht werden,der ohne Schädigung unserer Beziehungen zu Rußland den FortbestandÖsterreichs sicherte. Eine Verständigung mit England über die Flottenbau-frage, namentlich über das Bautentempo, lag mir nicht minder am Herzen.

Ich kehre zunächst zur bosnischen Frage zurück, die zuletzt EndeOktober 1908 Gegenstand einer längeren Besprechung zwischen Seiner IswolskisMajestät und mir gewesen war.Wehe denen, die bei sich selbst weise sind Mißerfolgund halten sich selbst für klug", warnt Jesaias, und Paulus empfiehlt derjungen Christengemeinde in Rom unter anderen goldenen Lebensregeln:Haltet euch nicht selbst für klug." Ob die ersten Leser des Römerbriefsdiese Lehre beherzigt haben, wissen wir nicht, möchten es aber annehmen.Dagegen haben die Könige Usia, Jotham, Ahas und Jehiskia von Judanicht den Rat des größten Propheten des Alten Bundes befolgt. Und dasbekam ihnen schlecht. Alexander Petrowitsch Iswolski hielt sich selbst fürsehr klug. Er besaß auch tatsächlich eine gute Portion jener slawischenSchlauheit, die namentlich im dreisten Lügen und unbefangenen Fordernbesteht und durch die sich der redliche Deutsche im Laufe seiner Ge-schichte oft hinter das Licht führen ließ, hier und da von den Russen, nochhäufiger von Tschechen und Serben, am häufigsten von den Polen . Undtrotz solcher Pfiffigkeit beging Iswolski seit der Begegnung mit Aerenthalin Buchlau Fehler auf Fehler, Dummheit über Dummheit. Es war, wie ichschon ausführte, ein grober Fehler, daß er am 15. September 1908 Aehren-thal in Buchlau nicht ersucht hatte, ihm klipp und klar zu sagen, wann undin welcher Form er die Annexion Bosniens und der Herzegowina vorzu-nehmen gedenke. Es war ein weiterer und großer Fehler, daß er, als ihnAehrenthal mit der Annexionsproklamation vom 5. Oktober 1908 über-raschte, nicht sofort nach St Petersburg zurückkehrte, um dort sowohlgegenüber dem Zaren wie in der Duma seine Politik mit offenem Visierund mannhaft zu verteidigen. Statt dessen hatte er, ein anderer Odysseus,in fast komischer Weise Quer- und Irrfahrten durch die europäischen Haupt-städte unternommen. Er war nach Wien erst in London, dann in Paris