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erschienen. Der Zweck seiner Reisen sollte die Förderung, vielleicht undhoffentlich die Erfüllung der russischen Dardanellenwünsche sein. Damithatte er nun weder an der Themse noch an der Seine Glück gehabt. InLondon wurde ihm gesagt, daß das liberale englische Kabinett mit Rück-sicht auf den linken Flügel der liberalen Partei sich nicht durch Unter-stützung der russischen Dardanellenaspirationen den Jungtürken unan-genehm machen könne, die als Freiheitshelden dem englischen Radika-lismus ebenso sympathisch waren, wie dieser vordem den Sultan als „blood-stained tyrant" verabscheut hatte. Auch in Paris hatte Iswolski nichtserreicht. In beiden westlichen Hauptstädten ging er mit seinen Klagen überAehrenthal wie mit seinem inopportunen Drängen wegen der Dardanellenaller Welt auf die Nerven. „Iswolski is a great boar", hieß es in London ,„Iswolski nous embete" in Paris. Iswolski brachte es aber nicht über dasHerz, auf die ihm in englischen Schlössern winkenden „selected parties" zuverzichten. Er brachte es noch weniger über sein zärtliches Gattenherz,seiner Frau die Bitte abzuschlagen, in Paris für sie Weihnachtstoiletten zukaufen. Mimi Iswolski war eine reizende Frau, eine liebevolle Gattin undgute Mutter, dabei hübsch und elegant. Die galanten Franzosen nanntensie später, als Iswolski russischer Botschafter in Paris geworden war: Lesourire de Paris. Aber im Herbst 1908 war sie kein Glück für ihren Mann,den sie zu weiterem Hinausschieben seiner Rückkehr nach St. Petersburg veranlaßte. Am 24. Oktober 1908 traf Iswolski in Berlin bei mir ein. Ererschien vor mir als gebrochener Mann.
In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.
Je betrübter Iswolski war, um so mehr ließ ich es mir angelegen sein,ihm mit ruhiger Freundlichkeit zu begegnen, und das nicht nur aus an-geborener Gutmütigkeit und in Erfüllung einer Christenpflicht, sondernweil ich es für politisch nützlich hielt. Iswolski erinnerte mich daran, daß,als er in einer allerdings lange nicht so fatalen Lage, vor seiner Versetzungnach Tokio , meinen Rat erbeten hätte, ich ihn nicht nur in freundschaft-licher, sondern auch in überlegter und kluger Weise remontiert hätte. Esginge ihm wirklich schlecht. „Alors je me trouvai devant une täche diffi-cile. Aujourd'hui je suis dans un affreux petrin." Ich erwiderte ihm, daßich nicht nur von dem Wunsch erfüllt wäre, mich ihm als meinem lang-jährigen Freund nützlich zu machen, sondern vor allem die traditionellen,für beide Länder gleich lebenswichtigen guten Beziehungen zwischen demdeutschen und dem russischen Reich vor Schädigung zu bewahren. Ichkönne aber natürlich nicht Österreich im Stiche lassen. Lächelnd fügte ichhinzu: „Sie wollen sich ja auch nicht von Frankreich trennen." Es war