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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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EIN WÜTENDER AFFE

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dem russischen Minister nicht zu verargen, wenn er darauf entgegnete, daßdie Weigerung, den Bismärckschen RückVersicherungsvertrag fortzusetzen,von deutscher Seite, von Caprivi, Marschall und Holstein ausgegangen wäre.Ich schnitt diese retrospektiven Betrachtungen ab, indem ich darauf hin-wies, daß in der bosnischen Frage die habsburgische Monarchie nicht nurdas Vertragsrecht auf ihrer Seite habe, sondern auch in ihrem diplomati-schen Spiel einige sehr starke Atouts in Händen halte, ganz besonders denBrief, durch den Iswolski selbst Aehrenthal aufgefordert hätte, die Okku-pation in eine Annexion zu verwandeln. Alexander Petrowitsch hatte hier-auf nicht viel zu erwidern. Die von ihm begangenen Fehler lagen zu deutlichzutage. Er wiederholte nur immer:Le sale juif m'a trompe, il m'a menti,il m'a mis dedans, l'affreux juif." Aufgeregt, mit hochrotem Kopf und ver-zerrtem Gesicht, glich er einem wütenden Affen. Ich steckte meine beidenZeigefinger in meine beiden Ohren und sagte ihm ruhig und ernst:Tantque vous direz du mal de mon ami Aehrenthal, je me bouche les oreilles.Mais je vous promets que, si Aehrenthal se servait jamais de termes aussiinconvenants sur mon ami Iswolski, je me boucherais egalementles oreilles."

Nach und nach beruhigte sich der erregte Mann. Zur Erklärung der vonihm begangenen diplomatischen Fehler wußte er freilich nichts Neues vor-zubringen. Er wiederholte, daß erleider" an die Rechtschaffenheit undEhrlichkeit von Aehrenthal geglaubt habe, aber grausam enttäuschtworden sei. Das war fast komisch von Seiten eines russischen Ministers,da der berühmteste russische Diplomat der letzten fünfzig Jahre, Ignatiew,mit Stolz den ihm von den Türken gegebenen BeinamenVater der Lüge"trug und auch Gortschakow, Saburow und manche andere russische Staats-männer sich nicht gerade durch Wahrheitsliebe ausgezeichnet hatten. Ichflocht die Frage ein, ob Iswolski in London und Paris hinsichtlich derDardanellen -Frage positive Ergebnisse erzielt hätte. Er erwiderte mir miteiniger Verlegenheit, in London sei ihm gesagt worden, daß eine liberaleenglische Regierung bei der Stimmung der liberalen englischen Wählergegenwärtig nicht russische Wünsche unterstützen könne, welche die Jung-türken in große Aufregung versetzen und in eine schwierige Positionbringen würden. Als ich mich erkundigte, wie man sich in Paris zur Darda-nellen-Frage stelle, meinte Iswolski , die Franzosen behaupteten, in dieserAngelegenheit nichts ohne England tun zu können. Auch müsse die fran-zösische Regierung Rücksicht auf den kleinen französischen Rentiernehmen, der stark in türkischen Werten engagiert sei. Ohne in den Tondes Pharisäers zu verfallen, der Gott dankt, daß er nicht sei wie der Zöllner,verhehlte ich dem russischen Minister nicht meinen Standpunkt zur Darda-nellen -Frage. Ich stünde in dieser Beziehung noch immer auf dem Bodendes Bismärckschen RückVersicherungsvertrages. Deutschland habe an der