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DIE EUROPÄISCHE KONFERENZ
Meerengenfrage kein primäres Interesse. Unsere Stellungnahme zu dieserFrage sei abhängig von der allgemeinen Lage und der Konstellationzwischen den Mächten, natürlich auch von der uns von Rußland zuteilwerdenden Behandlung. Wir würden die russische Meerengenpolitik nichtbekämpfen. Daß wir sie bei der heutigen Gruppierung der Mächte förderten,werde Iswolski selbst kaum erwarten, da ja sein Verbündeter Frankreich weder im Sandschak noch in den Meerengen die volle Souveränität derTürkei beeinträchtigen wolle. ,,Je ne vous dis pas: lächez la France et nouslächerons l'Autriche, mais je vous dis: soyons, vous dans l'Entente, nousdans la Triple-Alliance, un element de paix et de conciliation." Iswolski reichte mir die Hand mit den Worten: „Votre langage est non seulementcelui d'un homme d'etat, mais aussi celui d'un ami de la Russie. J'ai pleineconfiance en vous, et mon souverain a pour vous les memes sentiments quemoi."
Als Iswolski mich am nächsten Tage wieder aufsuchte, war er in ruhigererStimmung als bei seinem ersten Besuch. Ich benutzte dies, um die all-gemeine Lage und eine Reihe von Einzelpunkten sachlich mit ihm durch-zusprechen. Hinsichtlich der Konferenz sagte ich ihm, ich hätte keinegrundsätzliche Abneigung gegen den Konferenzgedanken, lehnte einesolche auch nicht prinzipiell ab. Als notwendige Voraussetzung für eineKonferenz betrachtete ich aber eine vorherige Einigung zwischen denMächten über die auf der Konferenz zu behandelnden Fragen. Ein Konzertdürfe erst beginnen, wenn die Instrumente gestimmt wären. Iswolski irresich, wenn er jeden österreichisch-ungarischen Schritt auf unser Kontosetze. Ich machte ihn auch nicht für alles verantwortlich, was in Paris geschehe, dort gefördert und gehofft werde. Österreich-Ungarn sei eineebenso unabhängige Großmacht wie Frankreich . Es treibe eine unabhän-gige Balkanpolitik. Bei einer retrospektiven Kritik des österreichisch-ungarischen Vorgehens käme nicht viel heraus. There is no use crying forspilt milk. Daß wir für Österreich-Ungarn in seiner augenblicklichen Be-drängnis fest und ehrlich eingetreten wären, sei für uns ein Gebot nicht nurder Loyalität, sondern auch der Klugheit gewesen. Für den Türken brauch-ten wir uns jetzt gar nicht besonders einzusetzen, da England ihn unterseinen besonderen Schutz genommen habe. „Les Anglais sont devenus plusturcs que les Turcs." (Iswolski nickte.) Da wir in der Türkei nach meinerAnsicht keine direkten politischen Interessen hätten, so wäre dort für unsjede Politik möglich, natürlich unter Rücksichtnahme auf unsere erheb-Uchen wirtschaftlichen Interessen. Die Garantierung des europäischen Be-sitzstandes der Türkei erschiene mir als ein Gedanke, dessen Durchführungim Interesse aller Mächte wie des Friedens liege. Iswolski griff diese imKonversationston leicht hingeworfene Äußerung sofort auf. Er sei zu lange