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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELMS II. ERHEITERT SICH

Ich war bei diesem Frühstück nicht zugegen. Iswolski sagte mir beim Ab-schied:Vous avez ete charmant pour moi. Quant ä Sa Majeste l'Empereur,il s'est beaucoup egaye ä mon sujet. J'ai eu l'honneur de lui servir de tetede turc." Ich hatte Seiner Majestät seit dem Beginn der bosnischen Kriseimmer wiederholt, es käme darauf an, daß einerseits die Österreicher nichtdie Nerven verlören, sich andererseits aber auch nicht zu Schritten hin-reißen ließen, die zu einem allgemeinen Krieg führen könnten.

Um der erstgenannten Gefahr vorzubeugen, richtete ich am 12. De-Bülow an zember 1908 einen Erlaß an den kaiserlichen Botschafter in Wien , HerrnTschirschky von Tschirschky,in dem ich die von englischer wie namentlich von russi-scher Seite über die Möglichkeit und selbst Wahrscheinlichkeit einesKrieges im kommenden Frühjahr verbreiteten Nachrichten als Einschüch-terungsversuche bezeichnete. Nach unseren Nachrichten aus Rußland undüber Rußland denke dort trotz der gereizten Sprache des in seiner Eigen-Uebe gekränkten Iswolski kein ernster Staatsmann an Krieg. Wie ich ausParis, aus gut unterrichteten Bankkreisen, hörte, müsse Rußland spätestensim Frühjahr größere Ansprüche an den europäischen Geldmarkt erheben.Die Einlösung der in Frankreich placierten, im Mai fälligen Schatzbondslasse sich kaum länger verschieben. Das Defizit des außerordentlichenBudgets, zirka hundertfünfzig Millionen Rubel, müsse gedeckt werden.Uber die dazu erforderliche Anleihe von einer Milliarde Mark sei ein Uber-einkommen zwischen Rußland und Frankreich im Prinzip fertig. BeideLänder hätten daher alles Interesse, die vorhandene politische Spannungbeseitigt zu sehen. Gerade weil in Rußland an eine kriegerische Aktion zurZeit nicht ernstlich gedacht werde, sei Iswolski um so emsiger bemüht,die Doppelmonarchie durch Kriegsfanfaren einzuschüchtern. Rebus siestantibus, sei Festigkeit für Österreich die richtige Politik. Andererseitsmöge sich die österreichisch-ungarische Monarchie gegenüber der Türkei namentlich in Geldfragen kulant zeigen. Sie werde auch sehr wohl darantun, durch eine geschickte und entgegenkommende Politik Bulgarien, Rumänien und Griechenland auf ihre Seite zu ziehen. Österreich dürfeweder die Türkei zu hart behandeln noch die Balkanstaaten vernach-lässigen oder gar brüskieren. Österreich müsse Rumänien in den Handels-vertragsverhandlungen entgegenkommen, es möge auch die Rumänen imBereich der Stefanskrone freundlicher behandeln. Griechenland könne aufAlbanien verwiesen werden. Natürlich müsse das Wiener Kabinett Italien in Tripolis freie Hand lassen, da dort ItaHen wegen Ägyptens den Eng-ländern, wegen Tunis den Franzosen nicht bequem wäre, österreichischeund deutsche Interessen aber in keiner Weise schädige. Bulgarien müsseebenso wie Rumänien von Österreich auch in der Form freundbeh behandeltwerden. Ich schloß diesen Erlaß, den der Botschafter von Tschirschky