ÖL INS FEUER
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dem Minister Aehrenthal vorzulesen hatte, mit der Versicherung, ich seiüberzeugt, daß die ganze Krisis durch Festigkeit auf der einen, durchEntgegenkommen auf der anderen Seite zu einem guten Ende geführtwerden könne.
Ende Dezember 1908 sah ich das erste sichere Anzeichen, daß Iswolski denRückzug antrat. Er richtete ein Rundschreiben an die Mächte, in dem er Iswolskzwar das österreichische Vorgehen scharf kritisierte und seinen Vorschlag Rückzugauf Berufung einer europäischen Konferenz des näheren begründete, abersich doch bereit erklärte, dem Wunsch der österreichischen Regierung inso-fern Rechnung zu tragen, als die Konferenz der vollendeten Tatsache, derAnnexion, ohne Beratung zustimmen solle. Die Erörterung darüberzwischen den einzelnen Kabinetten könne vorher stattfinden. In ähnlichenWendungen, die im Grunde eine Rückzugskanonade waren, bewegte sichIswolski in der Rede, die er am 25. Dezember 1908 in der Duma hielt.König Eduard war während der ganzen bosnischen Krise eifrig bemüht,Öl ins Feuer zu gießen. Seine Lust an politischen Intrigen und seine Be-gabung für politische Giftmischerei zeigten sich in hellem Licht. Er hätteam liebsten Aehrenthal aus dem Sattel gehoben und ihn durch den öster-reichischen Botschafter in London, den Grafen Albert Mensdorff , ersetzt,der schon als entfernter Verwandter der englischen Königsfamilie, wie ichfrüher gelegentlich erwähnte, die volle Gunst des englischen Hofes genoß.Vorsichtiger und bedächtiger war die Haltung des englischen Ministers desÄußern. Sir Edward Grey war zweifellos von dem Wunsch erfüllt, es nichtbis zum Bruch zu treiben. Auch der damalige Unterstaatssekretär imMinisterium des Äußern, Sir Charles Hardinge , der seinerzeit im HomburgerSchloß auf dem Billard mit Wilhelm II. die von mir geschilderte Unter-redung gehabt hatte, wirkte in friedlichem Sinne. Dagegen hetzte der eng-lische Botschafter in Petersburg , Nicolson, die Russen nicht nur gegenÖsterreich , sondern fast noch mehr gegen uns. Daß, wie ich vorgreifenderwähnen will, nicht lange nach meinem Rücktritt Nicolson im Jahre 1910an Stelle Hardinges beständiger Unterstaatssekretär im Ministerium desÄußern wurde, war ein fast ebenso übles Symptom wie die zwei Jahrespäter, 1913, erfolgte Entsendung von Delcasse als Botschafter nachSt. Petersburg . Tadellos war während der ganzen Krisis das VerhaltenRumäniens oder richtiger gesagt des Königs Carol. Der König ließ mirschon im ersten Stadium der Krisis sagen, ich könne mich ebenso fest aufeine korrekte Haltung von seiner Seite verlassen, wie er überzeugt sei,daß ich in voller Bündnistreue für Österreich doch den Weltfrieden nichtgefährden lassen werde.
Die italienische Politik geriet in eine schwierige Lage. In der Debatte, Die Haltungdie Anfang Dezember 1908 in der italienischen Deputiertenkammer über Italiens