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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS ZERSCHNITTENE TISCHTUCH

Drohungen, durch einen Druckmit gepanzerter Faust" Rußland zumEinlenken bewogen. Unaufgefordert sei Deutschland dazwischengefahren.Ich lasse dahingestellt, ob Iswolski nicht mitgeholfen hat, diese Legende zuverbreiten. Jedenfalls war er ihr nicht mit dem erforderlichen Nachdruckentgegengetreten. Ich ließ deshalb bei Herrn von Tscharykow durchunseren Botschafter anfragen, ob es sich nicht empfehle, durch gleichzeitigeVeröffentlichung der gleichlautenden Aktenstücke den tatsächlichen Her-gang bei unserer von Rußland erbetenen, wohlmeinenden, freundlich-höflichen und erfolgreichen Vermittlung klarzulegen und die in Umlaufgesetzten böswilligen Verdächtigungen aus der Welt zu schaffen. In denweiteren Besprechungen zwischen Herrn von Tscharykow, Herrn Iswolski und unserem Botschafter stellte sich heraus, daß von russischer Seite ge-wisse Abänderungen an den in Frage kommenden Aktenstücken dringendgewünscht wurden. Deshalb und vor allem, damit aus der ganzen bosnischenVerwicklung zwischen uns und Rußland keinerlei Verstimmung zurück-bbebe, stand ich von der Veröffentlichung ab.

Damit war der erste Akt der bosnischen Verwicklung erledigt. DieGefahr, daß Rußland die Serben zu weiterem Widerstand gegen Österreich-Ungarn hetzte, war beseitigt. Und zwar, worauf ich besonderes Gewichtgelegt und besondere Mühe gewandt hatte, ohne Bruch mit Rußland .Iswolski habe ich seit jener denkwürdigen Unterredung zwischen ihm undmir, vom 26. Oktober 1908, nicht mehr gesehen. Er hatte mir damals,als er von mir Abschied nahm, gesagt:Zwischen Aehrenthal und Rußland ist das Tischtuch für immer zerschnitten, noch mehr aus persönlichen wieaus sachlichen Gründen. Aehrenthal hat sich gegen uns nicht nur illoyal,sondern auch allzu undankbar benommen. Er hat uns als Attache, alsSekretär, als Geschäftsträger, als Botschafter in St. Petersburg beständigerzählt, er wäre ein treuer Freund Rußlands und ein unbeugsamer Ver-treter guter Beziehungen zwischen seiner Monarchie und dem russischenReich. Als er St. Petersburg verließ, um Minister des Äußern zu werden,haben wir ihm den Andreasorden umgehängt. Zum Dank hat er uns sobrüskiert, mit uns ein so perfides Spiel gespielt, daß ohne Ihre kluge undfreundschaftliche Vermittlung der Krieg hätte ausbrechen können, d. h.das größte Unheil, das die Welt und insbesondere die drei Kaiserreichetreffen kann." Zu dieser Erklärung Iswolskis bemerke ich meinerseitsex post, daß die russische Diplomatie und der russische Hof Aehrenthal sein Verhalten in der bosnischen Krise nicht verziehen haben. Einige Zeitnach dem Abschluß der bosnischen Krisis passierte ein russischer Groß-fürst Wien . Er ließ durch den russischen Botschafter wissen, daß er glück-lich sein würde, Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostohschen Majestätseine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen, er würde sich auch sehr