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DIE HERZOGIN VON HOHENBERG
Erzherzog hatte die Güte gehabt, mich zum Afternoon-tea einzuladen.Ich blieb zwei Stunden allein mit ihm und seiner Gemalüin, der Herzoginvon Hohenberg. Wie lebhaft steht das Bild dieses Zusammenseins mir vorAugen! Der Erzherzog, eine männliche, schöne Erscheinung, mit leiden-schaftlichen, vielleicht etwas zu leidenschaftlichen Augen, energischen Hand-bewegungen, offenem, geradem Wesen. Die Herzogin, keine eigentlicheSchönheit, aber überaus anmutig, durch und durch die elegante, rassige,„fesche" österreichische Komteß aus gutem Hause. Ich entsinne mich,daß der Erzherzog immer wieder das Gespräch auf die Zustände in Bosnienlenkte. Er machte aus seiner Abneigung gegen die Magyaren und seinerVorliebe für die Slawen kein Hehl, klagte aber über die russisch -panslawistische Agitation in Galizien, in Böhmen und namentlich inBosnien und der Herzegowina. Die Herzogin von Hohenberg stimmte leb-haft in diese Klagen ein. Sie war namentlich über die Hindernisse entrüstet,die der schismatische Klerus der Missionstätigkeit der „guten Franziskaner"in den Weg lege. Die Franziskaner hätten unter dem religiösen Indifferentis-mus der ungarischen Staatsmänner und den josefinischen Tendenzen derösterreichischen Beamten fast mehr zu leiden als früher unter der Herrschaftdes Islam . Es war hauptsächlich ihr warmes Interesse für die katholischeSache, an welcher der Erzherzog und die Herzogin mit Treue und Leiden-schaft hingen, das sechs Jahre später das unglückliche Paar nach Serajewotrieb, wo, wie es in den Lamentationen von Heinrich Heine heißt, der böseThanatos ihrer wartete, auf fahlem Roß. Die Ermordung des Erzherzogsgerade durch Serben war um so unsinniger, als der Thronerbe sicherlich dieSlawen den Magyaren und Italienern , im Grunde auch den Deutschen, vor-zog. Die Slawenfreundlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand war einerder Gründe, die ihn veranlaßten, meine Bemühungen um die Aufrecht-erhaltung des Weltfriedens ehrlich und aufrichtig zu unterstützen. Darinbegegnete er sich, trotz mancher sonstiger Differenzen, mit dem altenKaiser, der von meiner Politik so erbaut war, daß er dies auch äußerlichzum Ausdruck bringen wollte. Da ich schon alle österreichischen Ordenbesaß, den Stefansorden mit Brillanten, die Photographie des KaisersFranz Josef in prächtigem Rahmen und mit eigenhändiger Unterschrift,seine Statuette aus Bronze, so verehrte mir der alte Herr nach glücklicherErledigung der bosnischen Schwierigkeit sein überlebensgroßes Bild in derUniform seines preußischen Regiments mit dem Bande des SchwarzenAdlerordens. Das Bild war von dem ungarischen Maler Leopold Horovitz gemalt und hat einen beträchtlichen künstlerischen Wert.
Uber die einfältigen Angriffe, die der bayrische Zentrumsabgeordneteund Oberzollrat Speck wegen angeblich mangelhafter Unterstützungunseres österreichischen Verbündeten gegen mich gerichtet hatte, be-