Druckschrift 
2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

XXVII. KAPITEL

Bülows Besuche in Rom nnd Wien Audienz bei Pius X. Der Erzherzog -ThronfolgerKaiser Franz Josef Die bosnische Frage im Reichstag (23. III. 1909) Deutschlands Nibelungentreue" Deutsch-französisches Abkommen über Marokko, Casablanca Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen Charakteristik des KronprinzenFrage der Abdankung Wilhelms II. Brief des Kronprinzen über Herrn von Kiderlen-Wächter, Bülows Antwort an ihn Die Haltung Englands während der bosnischen KriseNeuerliche Briefe des Grafen Metternich zur Fluttenfrage Besuch des englUchenKönigspaares in Berlin Tod des Geheimrats von Renvers

Wie der österreichische Minister des Äußern, so war auch der Thron-folger, Erzherzog Franz Ferdinand , einverstanden mit meiner Haltung Audienzenund Politik in der bosnischen Frage und insbesondere damit, daß ich den in R° meuropäischen Frieden nicht gefährden ließ. Ich hatte im Frühjahr 1908 dieparlamentarischen Osterferien benutzt, um in Rom wie in Wien kurze Be-suche abzustatten. In Rom hatte ich mit König Victor Emanucl wie mitdem Ministerpräsidenten Giolitti und dem Minister des Äußern, Tittoni ,denen ich die mir von ihnen in Homburg und Baden-Baden abgestattetenBesuche erwiderte, eingehende Unterredungen, die, wie die offiziöseAgenzia Stefani" mit Recht hervorhob, die Ubereinstimmung unsererGesichtspunkte und Anschauungen ergab. Eine Audienz bei Pius X. , dermich und meine Frau mit der rührenden Güte empfing, die diesem ver-ehrungswürdigen Greis eigen war, der auch einem Nicht-Katholiken als einwahrer Nachfolger der Apostel erscheinen mußte, bot dem Papst Gelegen-heit, mich seines fortdauernden vollen Vertrauens und Wohlwollens zuversichern, das durch die mir vom Zentrum gemachte Opposition nichtbeeinträchtigt würde. Die deutschen Katholiken gehörten, so meinte derPapst, zu den treusten und besten Söhnen der Kirche, aber ihre parla-mentarische Vertretung sei offenbar gelegentlich etwas verbohrt (osti-nato). Natürlich hatte ich meine Differenz mit der Zentrumspartei nicht vonmir aus zur Sprache gebracht. Pius X . ließ aus eigener Initiative, mitfeinem Lächeln, diese Bemerkung fallen.

In Wien war ich von Kaiser Franz Josef mit gewohnter Huld empfangenworden. Mit dem Erzherzog Franz Ferdinand , der mir immer wohlgesinnt Audienzgewesen war, hatte ich im März 1908 ein langes Gespräch geführt. Der in Wien