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DER STERBENDE AEHRENTHAL
Aehrenthal wurde infolgedessen von der unter dem Einfluß des österreichi-schen Generalstahs stehenden Wiener Presse mit einer Gehässigkeit ange-griffen, welche die letzten Lehenstage des inzwischen schwer erkranktenMinisters vergiftete. Namentlich die Witzblätter ergingen sich in den ge-meinsten Beschimpfungen und Verdächtigungen gegen den sterbendenMann. Er blieb aber fest. Meine Haltung in der bosnischen Erage hatte vonAnfang an Verständnis bei Aehrenthal gefunden. Als im Reichstag derbayrische Zentrumsabgeordnete Speck , dessen Horizont sich nie über denEichstätts ausgedehnt hat, mir mit erhobener Stimme und pathetischerEntrüstung den Vorwurf unzulänglicher Unterstützung des österreichi-schen Bundesgenossen machte, schrieb Baron Aehrenthal an den Bot-schafter von Szögyenyi: „Die Verkehrtheit der gegen den Reichskanzleraus dem Grunde erhobenen Angriffe, weil er unserer Politik nicht genügen-den Rückhalt und Unterstützung gewährt habe, hat Fürst Büluw sehrtreffend als ein allzu durchsichtiges Manöver charakterisiert. Ein Verlassender Linie, welche Fürst Bülow sich vorgezeichnet, wäre, wie er klar er-kannte, nach zwei Seiten hin inopportun gewesen. Es hätte nämlich hierein Hervortreten der deutschen Politik aus ihrer freundschaftlichen undzurückhaltenden Reserve als eine gewisse Bevormundung angesehen werdenund schlechtes Blut erzeugen können, während andererseits durch einesolche veränderte Haltung Deutschlands unsere direkten Verhandlungenmit der Türkei gewiß nicht gefördert worden wären. Die prinzipielle An-nahme unserer Vorschläge in der bosnischen Frage seitens des Großwesirsund das dem letzteren durch das türkische Parlament ausgesprocheneVertrauensvotum sind schlagende Beweise dafür, daß die Methode desFürsten Bülow mit Bezug auf die uns zu gewährende Unterstützung injeder Hinsicht die richtige war."