DIE KRIEGSTREIBEREIEN
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dorf. Je länger man zögere, desto schwieriger werde die Lage. Der Feindwerde mit jedem Tage stärker, während die Zentralmächte auf der Höheder für sie möglichen Machtentfaltung angelangt seien. Also: Schlagen wirsofort los, bevor es zu spät ist! Ich war nicht gewillt, Deutschland durchsolche Quertreibereien in einen Krieg von unberechenbaren Dimensionenhineinziehen zu lassen, bei dem nur eins sicher war: Wir hatten nicht vielzu gewinnen, was die natürliche Entwicklung der Dinge uns nicht auch ohneKrieg bringen konnte. Wir riskierten ungeheuer viel, wir setzten unermeß-liche Werte aufs Spiel. Ich sprach in diesem Sinne, sobald mir das Einlenkender Russen gewiß war, ernst und nachdrücklich mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Szögyenyi. Ich ließ auch in diesem Sinne durchmeinen Bruder Karl Ulrich, der sieben Jahre deutscher Militärbevoll-mächtigter in Wien gewesen war und dort gute Beziehungen besaß, nament-lich zu der Umgebung des Erzherzogs Franz Ferdinand, nach Wien schreiben. Ich sagte dem österreichischen Botschafter, der, ein alter underfahrener Diplomat, innerlich ganz meiner Meinung war und in diesemSinne privatim an Freunde in der Umgebung des Kaisers Franz Josef schrieb: Ein österreichischer Einmarsch in Serbien bedeute neun gegen einsden Krieg mit Rußland, ein Krieg mit Rußland neunundneunzig gegen einsden Weltkrieg. Auf eine so ungeheure Partie könne ich mich nur einlassen,wenn vorher alle für uns erreichbaren Trümpfe in das Spiel der Zentral-mächte gebracht würden. Ich verwies auf den Artikel VII des Dreibund-vertrages, der bestimme, daß im Falle der Ausdehnung Österreich-UngarnsItalien ein Recht auf Vergrößerung habe. Dieser Verpflichtung könne sichÖsterreich nicht dadurch entziehen, daß es behaupte, die NiederwerfungSerbiens , der von österreichischen Generalen betriebene Einmarsch inSerbien wäre keine Landerwerbung in dem vom Dreibundvertrage vor-gesehenen Sinne. Das seien Sophismen, Kniffe, mit denen in großen, dieVölker bewegenden Fragen nicht durchzukommen wäre. Natürlich würdedurch die Eroberung Serbiens und schon durch den Einmarsch in Serbien das Kräfteverhältnis auf der Balkanhalbinsel verschoben. Habe Österreich Lust, Italien hierfür ein Äquivalent zu gewähren? Etwa das ehemaligeBistum Trient? Görz, Gradiska, Pola, Triest? Ähnlich stünde es mit Ru-mänien. Habe Österreich Lust, Rumänien mit der Bukowina zu entschädi-gen ? Um eine ehrliche Kooperation der Rumänen mit Österreich sicherzu-stellen, müsse mindestens den ungarländischen Rumänen eine freundlichereBehandlung und eine stärkere Vertretung im ungarischen Parlamentgarantiert werden.
Ich fand bei meinem erfolgreichen Bestreben, Österreich-Ungarn vonunbesonnenem Vorgehen abzuhalten, die Unterstützung sowohl des Mi-nisters Aehrenthal wie des Thronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand.