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Unterredung mit der Erklärung, daß die deutsch -russischen Beziehungendieselben blieben wie früher. Er sei mir dankbar für meine vermittelndeHaltung. Ich erfreute mich nach wie vor des Wohlwollens und des Ver-trauens des Kaisers Nikolaus. „Vous avez la pleine confiance de l'EmpereurNicolas qui sait ce que vous devez ä l'alliance avec l'Autriche, mais qui saitaussi que vous etes l'ami de la Russie et un homme d'etat sage et habile.Nous esperons tous que vous resterez encore longtemps ä la tete des af-faires." Auf ein Album mit Ansichten meiner römischen Villa Malta deutend, das auf dem Tische lag, meinte Iswolski : „N'allez pas de sitotjouir de votre belle Villa. Restez a Berlin ." Die letzten Worte, die ich inmeinem Leben an Iswolski gerichtet habe, waren:,, Je vous le repete et lePrince de Bismarck l'a dit avant moi: Dieu seul sait, comment finiraitmilitairement une guerre entre les trois empires. Mai ce que 1'hommereflechietprudent peut prevoir est ceci: Ce seront en-tout-cas, et quelle quesoit l'issue militaire du conflit, les trois dynasties qui payeront les potscasses." Iswolski hat lange genug gelebt, um die Richtigkeit meiner Voraus-sage am eigenen Leibe zu spüren. Er hat die Niederlage und den Sturz desZarismus mitansehen müssen, er hat erlebt, daß das alte, mächtige undstolze Rußland in einem Meer von Blut und Tränen unterging. Er ist alsabgetakelter Botschafter krank und verbittert in einer ärmlichen Wohnungin einer kleinen südfranzösischen Stadt gestorben, wo er von der franzö-sischen Regierung eine bescheidene Unterstützung bezog, eine kärglicheBelohnung für seine hetzerische Tätigkeit unmittelbar vor dem Weltkriegund im Wellkrieg, eine mehr als kärgliche Spende, verglichen mit denMillionen, die während Jahrzehnte aus Rußland in die Taschen geld-gieriger französischer Journalisten und Politiker geflossen waren.
Nachdem die von Norden drohende Kriegsgefahr beseitigt war, kam esConrad will 1909 darauf an, Wien zu zügeln. Es gab auch dort eine Kriegsgefahr. Ichlosschlagen wußte sehr wohl, daß namentlich die österreichischen Generäle, ähnlich wiein der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts,auch 1908/1909 zum Losschlagen drängten. Der Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabs, Freiherr Conrad von Hoetzendorf , warf mirseit Jahren vor, daß ich den richtigen Moment zum Losschlagen verpaßte.Denselben Vorwurf hatten die österreichischen Generäle zwanzig Jahrefrüher dem Fürsten Bismarck gemacht. Freiherr von Hoetzendorf hatte esnamentlich auf Italien abgesehen, aber auch gegen Rußland wollte er los-schlagen, natürlich erst recht gegen Serbien , das „gezüchtigt" werden müsse.Seine Argumente waren die gleichen, die zwei Jahrzehnte früher in Berlin Graf Alfred Waldersee in seinem Kampf gegen den Fürsten Bismarck vorge-bracht hatte. Die Abrechnung mit Serbien, Italien, Rußland sei unver-meidlich, predigte im Winter 1908/1909 der Freiherr Conrad von Hoetzen-