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BÜLOW BELEHRT DEN KRONPRINZEN
ähnlicher Weise Allerhöchst Seine Willensmeinung kundgegeben hat. Überden Einzelfall hinaus gestatte ich mir Nachstehendes zu sagen: Mit EurerKaiserlichen und Königlichen Hoheit stimme ich darin vollkommen über-ein, daß es nicht ratsam ist, die eigene Friedensliebe zu oft zu betonen,da das die anderen zu sicher macht. Vor allem bin ich davon durchdrungen,daß, wo es sich um die Ehre des Landes handelt, coüte que coüte losge-schlagen werden muß, wie auch die Chancen liegen. Wo aber unsere Ehre nichtengagiert ist, müssen wir uns doch immer fragen, was bei einem Kriegeherausschaut. Wir haben bei einem Krieg in Europa nicht viel zu gewinnen.Mehr slawische und französische Elemente und Gebietsteile können wirnicht brauchen. Durch die gewaltsame Inkorporierung kleiner Länderwürden wir nur die zentrifugalen Elemente verstärken, die in Deutschland leider ohnehin nicht fehlen. Alles das würde uns natürlich an einem Kriegnicht hindern, wenn er uns aufgedrungen wäre oder unsere Ehre ihn ver-langte. Aber der Kriegsfrage gegenüber bleibt Vorsicht geboten. In denJahren 1866 und 1870 winkte uns ein großer Preis. Von einem solchen istjetzt nicht die Rede. Vor allem darf nicht vergessen werden, daß man inunserer Zeit Kriege nur dann führen kann, wenn das Volk davon überzeugtist, daß der Krieg notwendig und daß er gerecht ist. Ein in frivoler undleichtsinniger Weise hervorgerufener Krieg würde, selbst wenn er glücklichausliefe, im Innern nicht günstig wirken. Ein Krieg, der, in solcher Voraus-setzung, schief ausginge, würde nach menschlicher Voraussicht eine Kata-strophe für die Dynastie bedeuten. Die Geschichte lehrt, daß auf jedengroßen Krieg eine liberale Ära folgt, denn die Völker verlangen für diegroße Anstrengung, die der Krieg ihnen auferlegt, entschädigt zu werden.Ein unglücklicher Krieg aber zwingt die Dynastie, die ihn geführt hat,mindestens zu Konzessionen, die ihr vorher unerträglich erschienen wären.Ich erinnere an die Zugeständnisse, die Seine Majestät der Kaiser FranzJosef nach 1859 und dann nach 1866 hat machen müssen, und an dieKonsequenzen, die der Japanische Krieg für Rußland gehabt hat. Deshalbhat Fürst Bismarck , der selbst die Verantwortung für zwei große Kriegeauf sich genommen hat, um so eindringlicher vor Kriegen gewarnt, dienicht durch die Staatsräson und durch vitale Interessen des Landes ge-boten waren. Er hat namentlich davor gewarnt, Zwischenfälle, wie siesehr häufig sich ereignet haben, zu dramatisch zu nehmen. Die Stimmungin der Armee kann da nicht allein maßgebend sein. Es ist gewiß gut und inder Ordnung, wenn die Armee immer bereit ist, vom Leder zu ziehen: somuß sogar die Armee denken. Aber die Aufgabe der politischen Staats-leitung ist es, sich auch die politischen Folgen klarzumachen. Quidquid agisprudenter agas et respice finem! Im Jahre 1875 waren manche Militärs derAnsicht, wir sollten Frankreich , wo der Chauvinismus sich wieder zu regen