WILHELM IL UND SEIN SOHN
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anfing, niederschlagen, bevor es stärker werde. Seitdem haben wir mitFrankreich Frieden durch dreiunddreißig Jahre, in denen unser Wohlstandund unsere Bevölkerung sich ganz außerordentlich gehoben haben. 1887und 1888 wurden Fürst Bismarck lebhafte Vorwürfe gemacht, weil er gegenRußland nicht den sogenannten prophylaktischen Krieg führen wollte.Es hieß damals allgemein, dieser Krieg sei doch unvermeidlich. Seit zwanzigJahren haben wir trotzdem Frieden mit Rußland . Ich wiederhole, daß wir,wenn es sein muß, wie der große König, auch gegen eine Welt in Waffenkämpfen würden. Allein wir müßten uns auch dann bewußt bleiben, daßein Krieg heutzutage eine sehr ernste Sache sein würde, viel ernster als vorachtunddreißig Jahren, denn die französische Armee ist jetzt besser alsdamals. Außerdem würde ein Krieg mit Frankreich voraussichtlich einensolchen mit England bedeuten. Wenn wir Frankreich angriffen, würde auchRußland für Frankreich eintreten. Unter diesen Umständen scheint es mirangesichts der recht schwierigen Lage, in der sich Europa gegenwärtig be-findet, hauptsächlich darauf anzukommen, daß wir unser Pulver trockenhalten, daß wir alles daransetzen, unsere Armee auf der Höhe zu halten,und im übrigen kaltes Blut bewahren."
Der Kronprinz besaß weder die ungewöhnlich rasche Auffassung seinesVaters noch dessen rednerische Begabung. Es fehlte ihm auch der persön-liche Charme, mit dem Wilhelm II. namentlich bei der ersten Begegnungund bevor seine Fehler und Schwächen hervortraten, viele Menschen be-zaubert hat. Der Kronprinz hatte aber von seiner verständigen Muttereinen vorsichtigen, nüchternen Zug geerbt, der seinem Herrn Vater leiderabging. Bei größerer Besonnenheit hatte der Sohn doch gleichzeitigwiderstandsfähigere Nerven als der Vater. Der Kronprinz war, wie alleseine Brüder, wie sein Onkel Prinz Heinrich, wie Kaiser Friedrich undKaiser Wilhelm I., wie Prinz Friedrich Karl und Prinz Albrecht , ganzfurchtlos. Er würde, wenn er auf den Thron gelangt wäre, die Welt wenigerin Erstaunen gesetzt haben als sein Vater, er hätte die allgemeine Auf-merksamkeit weit weniger auf sich gelenkt, er hätte aber nicht so oft wieder Vater Souveräne , Minister und ganze Völker vor den Kopf gestoßen.Es wäre leichter gewesen, mit ihm zu regieren als mit Wilhelm II. Ichbin nach unserem Unglück bisweilen gefragt worden, warum ich dieNovemberereignisse nicht benutzt hätte, um den Kronprinzen an dieStelle seines Vaters zu setzen. Ich habe darauf erwidert und erwidere heute:Ich hatte Wilhelm II. als Minister Treue geschworen und würde unter keinenUmständen meinen dem König und Kaiser geleisteten Eid gebrochenhaben. Eine unfreiwillige, durch Überredung, drängenden Zuspruch,Überrumplung oder List herbeigeführte Abdankung des Kaisers war fürmich ausgeschlossen. Ich würde mich einem Versuch von dritter Seite,