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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SOLLTE DER KAISER ABDANKEN?

auf diese Weise die Abdankung des Kaisers herbeizuführen, mit allen Mittelnund nötigenfalls mit Gewalt widersetzt haben. Ich glaube nicht, daßKaiser Wilhelm II. 1908 zu einer freiwilligen Abdankung zu bewegengewesen wäre, zumal einer solchen auch die Kaiserin mit allen einer Frauund namentlich einer so charaktervollen Frau zu Gebote stehenden Mittelnopponiert haben würde. Ich füge auch heute nach allem, was sich inzwischenereignet hat, hinzu, daß die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes 1908nicht die Abdankung des Kaisers wollte. Die Nation würde einen Thron-verzicht nicht verstanden haben. Sie wollte die Monarchie, die so viel Ehre,Ruhm, Glück und Segen verkörperte und ohne jede Frage an und für sichfür Deutschland nicht nur die geeignetste, sondern die einzig wirklichbrauchbare Regierungsform war und bleibt. Ich sage das nicht aus vor-gefaßter Meinung. Ich sage es auch nicht als grundsätzlicher Anhänger derLehre vom Gottesgnadentum und nun gar eines Gottesgnadentums imSinne der Stuarts, der Bourbons und des letzten Weifenkönigs, sondernauf Grund meiner geschichtlichen Kenntnisse und Erfahrungen. Die Machtder Kaiseridee war in Deutschland so stark, daß die Nation dem Trägerdieser Idee, wie sich nach glücklicher Beilegung der Novemberkrise zeigte,bald und gern verzieh, was er gefehlt haben mochte. Wenn auf den Fürsten Felix Schwarzenberg hingewiesen worden ist, der 1848 Kaiser Ferdinand I. von Österreich zur Abdankung, dessen Bruder, den Erzherzog Franz Karl ,zum Verzicht auf die Krone bewog und den achtzehnjährigen ErzherzogFranz Josef auf den Thron erhob, so halte ich dem entgegen, daß Wil-helm II. kein Trottel war wie Kaiser Ferdinand I. und der gute ErzherzogFranz Karl , sondern im Gegenteil bei manchen Mängeln und Schwächenein ungewöhnlich begabter Mann. Wir befanden uns 1908 auch nicht,wie 1848 die österreichische Monarchie, im Bürgerkrieg, im Kampf mitaufständischen Provinzen und im Krieg mit einem Nachbarstaat. Diedeutschen Fürsten und das deutsche Volk wollten im Spätherbst 1908lediglich ein verständigeres und vorsichtigeres Verhalten des Reichs-oberhaupts, mehr Selbstbeherrschung und mehr Ruhe. Die Novemberkrisisblieb auch nicht ohne nützliche Wirkung auf den Hauptleidtragenden.Wenn nicht im Unglückssommer 1914 die ganze Welt, und leiderDeutschland in erster Linie, durch einen selten oder nie dagewesenenMangel an Scharfblick, Klugheit, Gewandtheit in die schlimmste Kata-strophe vieler Jahrhunderte hineingesegelt wäre, hätte Wilhelm II. sichnoch viele Jahre in Ehren auf dem Thron behaupten können. EinerBelastungsprobe, wie sie der Wellkrieg mit sich brachte, war er persönlichnicht gewachsen. Da er, unfähig, selbst das Schiff im Sturm zu führen,auch nicht für brauchbare Männer am Steuerruder sorgte, so scheiterteunser gutes Schiff.