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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER KRONPRINZ UND FRAU KYPKE

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Meine persönlichen Beziehungen zum Kronprinzen waren immer gut.Zu seinen vortrefflichen Eigenschaften gehörte, daß er nicht übelnehmerisch Eine Intrigewar. Er war auch nicht eitel. Er zeigte sich gern auf einem flotten Pferd, gegenKiderlcner war ein kühner Reiter, gewandt in allen körperlichen Übungen, er trugdie Mütze im Nacken, wie dies der schneidige Leutnant von den Garde-husaren oder den Gardeducorps tat, er huldigte nicht ungern hübschenMädchen und schönen Frauen. Aber wie jedes hochfahrende Wesen, solagen ihm auch geistiger Hochmut und geistige Eitelkeit fern. Alle Pose,alles Feierliche war ihm zuwider, vielleicht zu sehr, denn die Völker wollennun einmal, daß ihre Fürsten einen gewissen Nimbus um sich verbreitenund mit einer gewissen Grandezza auftreten. Das verlangt der Deutsche eigentlich schon von seinen Ministern und Kanzlern. Mein lieber FreundFranz Arenberg hat mir oft gesagt:Du bist nicht feierlich genug. Duposierst nicht genug. Du bist zu natürlich! Nicht nur die Beamten, sondernauch die Parlamentarier in Deutschland sind anders, als es in England , inItalien, in Frankreich die Leute sind. Unsere Volksboten sind Spießbürgervon Lieber bis zu Eugen Richter und Bebel. Sie verlangen jene Würde,jene Höhe, durch die bei Schiller das Mädchen aus der Fremde die Ver-traulichkeit entfernt." Ich gab die Richtigkeit dieser Kritik bis zu einemgewissen Grade zu, habe mich aber doch nicht ändern wollen oder können,da die natürliche Anlage oder Begabung sich schließbch immer wiederdurchsetzt. Derselbe alte Destouches, der das von mir oft zitierte Wortgeprägt hat, leicht sei die Kritik und schwer die Kunst, hat auch mit Rechtgesagt:Chassez le naturel, il revient au galop." Gerade weil ich mich invielen Dingen gut mit dem Kronprinzen verstand und uns das verband,was der Franzoseles atomes crochus" nennt, nahm ich mit ihm bei ge-legentlichen Meinungsverschiedenheiten noch weniger als mit seinem Vaterein Blatt vor den Mund. Ich erinnere mich, daß er mir im Winter 1908/1909mit einem ziemlich aufgeregten Brief einen Zeitungsartikel übersandte,der den von mir zur Vertretung des unbrauchbaren Staatssekretärs vonSchön einberufenen Gesandten von Kiderlen boshaft und ordinär angriff.Kiderlen wurden unerlaubte Beziehungen zu seiner Haushälterin, derWitwe Kypke, vorgeworfen. Der Kronprinz schrieb mir, er halte es fürseine Pflicht, mich auf derartige Zustände aufmerksam zu machen,dieman nicht so hingehen lassen kann". Ich müsse sofort eingreifen.Ichhabe schon einmal Eurer Durchlaucht Aufmerksamkeit auf diese Vorgängezu lenken mir erlaubt, ich habe auch von ernsten Menschen, die die dortigenVerhältnisse kennen, dasselbe gehört. Ein offizielles Dementi, wenn diesesangreifbar ist, scheint mir sehr gefährlich." Ich richtete nach Empfangdieses Briefes ein geharnischtes Schreiben an den jungen Herrn, in dem ichihm sagte, ich hoffte, daß, wenn er einmal in ferner Zukunft den Thron seiner