DIE FLOTTENVERSTÄNDIGUNG
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solchen hingesteuert hat. Aber er fürchtete nichts mehr als freundschaft-liche und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland .Er sah nichts lieber als Friktionen und Mißtrauen zwischen den beidengroßen nordischen Reichen. Ich habe nie geglaubt, daß England uns an-greifen würde, auch nicht, als der „naval scare", die Angst vor einem deut-schen Überfall, in England sehr hoch gestiegen war, auch nicht, als derimpressionable, sehr nervöse Kaiser die deutsche Flotte schon von der eng-lischen überfallen und vernichtet sah und Tirpitz die Jahre, die Monatezählte, bis die Gefahrzone durchschritten sein würde. Freilich habe ichauch andererseits nie daran gezweifelt, daß, wenn wir in Krieg mit Rußland und dadurch auch mit Frankreich gerieten und wenn wir gar früher als dieFranzosen in Belgien einrücken sollten, England gegen uns vorgehenwürde. Unter allen Umständen erschien es mir während des Winters1908/09 im Hinblick auf meinen voraussichtlich nicht mehr allzu fernenRücktritt als eine meiner vornehmsten Pflichten, den Frieden mit England auch für die Zukunft nach Möglichkeit zu sichern. Als beste Gewähr indieser Richtung erschien mir ein Abkommen mit England auf der Basiseiner Verlangsamung unseres Flottenbautempos gegen die Zusicherungenglischer Neutralität für den Fall, daß uns Frankreich angreifen sollte.Metternich hatte mir am 2. November 1908 geschrieben: „Man bereitetsich in England militärisch und politisch auf den Zustand vor, der nachenglischer unerschütterlicher Auffassung mit dem Anwachsen der deutschenFlotte innerhalb der von uns festgesetzten Grenzen für England verbundenist. Wir tun am besten, wenn wir hiermit als mit einer feststehenden,unabänderlichen Tatsache rechnen. Der Engländer ist ein Matter-of-fact-Mensch. Nach seiner Ansicht bedeutet unser Flottenprogramm, so wie esist, für ihn eine Gefahr, durch deren Abwehr er, immer nach seiner An-sicht, zu neuen ungeheuren Anstrengungen und Ausgaben getrieben wird."
Am 25. Januar 1909 schrieb mir unser Botschafter in London : „Es er-scheint mir immer unzweifelhafter, daß wir das politische Zugeständnisder Neutralität Englands auch für eine Verständigung auf dem Flotten-gebiete nicht erreichen werden, solange die Marokko -Frage nicht ausge-schaltet wird. Der Revanchegedanke ist verblaßt und wird noch mehr ver-schwinden, wenn nach gütlicher Beilegung des Marokko -Zwiespalts keineenglische Hilfe mehr in Aussicht steht. Kann der marokkanische Zank-apfel zwischen uns und Frankreich beseitigt werden, so wird bei gleich-zeitiger Verlangsamung unseres Flottenbautempos eine deutsch-englische Detente sofort eintreten. Nach meiner festen Überzeugung wirdaber die englische Regierung die Franzosen nicht preisgeben, solange unserDruck auf ihrer Marokko -Politik lastet. Je eher wir die überkommeneTradition von der Treulosigkeit der englischen Politik aufgeben, um so
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