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NICHT AUS DER NOT EINE TUGEND MACHEN
besser in unserem Interesse. Wenn die englische Regierung den ehrlichenWunsch bei uns erkennen kann, daß wir Marokko aus unserer Politik inZukunft ausscheiden wollen, sobald wir nach Lage der Möglichkeit neueBürgschaften für die Wahrung unserer materiellen Interessen vonden Franzosen erlangt haben, so möchte ich annehmen, daß England inden darüber zu führenden Verhandlungen — auch wenn sie nur zwischenuns und Frankreich geführt werden, so wird England doch von französischerSeite unterrichtet bleiben — eine ähnliche Haltung einnehmen wird wiezwischen Österreich und der Türkei , d. h. die englische Regierung wirdsagen, wir geben zu allem unseren Segen, was Frankreich annehmbarerscheint. Das Bestehen des deutsch -französischen Gegensatzes wegenMarokkos ist für England nur so lange günstig, als es in uns einen möglichenmilitärischen Gegner erblickt. Sonst nicht. Mit der Flottenverständigungtritt die militärische Gegnerschaft Deutschlands gegen England weit in denHintergrund. Es handelt sich nun ferner um die Frage, wie eine Flotten-verständigung am geeignetsten herbeigeführt wird. Dazu gehört vor allemabsolute Geheimhaltung der Absicht bis zu dem Moment, wo wir ihre Aus-führung ernstlich in Angriff nehmen, also keine vorherige Stimmungsmachein der Presse. Ferner gehört dazu, daß es nicht so aussieht, als ob wir ausder Notwendigkeit eine Tugend machten, d. h. es muß ein ,bon mouvement'unsererseits sein, geleitet von dem Wunsche, mit England ins reine zukommen. Dies wird hier einen großen und starken Eindruck machen. Fürunsere Stellung gegenüber England in der Frage der Verständigung halteich es von der größten Wichtigkeit, daß die von Ihnen angestrebte Finanz-reform die Sanktion des Reichstags erhält, so daß wir aller Welt beweisen,daß unsere Steuerkräfte nicht erschöpft sind und daß wir nicht unserfinanzielles Dasein durch Pump fristen müssen. Wenn es uns nicht gelingt,die Reichsfinanzen auf eine gesunde Basis zu stellen, ein Prozeß, der hiermit sehr großer Aufmerksamkeit verfolgt wird, so wird in England , wennwir mit Verhandlungen hervortreten, sofort der Schluß gezogen werden,daß uns finanziell der Atem ausgegangen ist und daß wir gezwungen sind,unsere Flotte langsamer zu bauen, ob wir nun mit England verhandelnoder nicht. Daß dies keine günstige Grundlage für eine Auseinandersetzungbietet, erfordert wohl kaum eine nähere Erklärung. Das englische Budgetwird, nach allem, was ich darüber höre, lediglich auf eine Belastung derReichen hinauslaufen, so daß unter den besitzenden Klassen große Be-unruhigung wahrzunehmen ist. Einkommen von einer gewissen Höhesollen enorm besteuert werden. Die Death Duties haben in diesem Jahr,irre ich nicht, das ungeheure Erträgnis von zweiundzwanzig MillionenSterling erzielt. Alles dies trägt, wie ich höre, dazu bei, das englische Kapitalins Ausland zu treiben. Die von Urnen befürwortete Nachlaßsteuer bewegt