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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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GEHEIMHALTUNG

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eich im Vergleich zu der englischen in den bescheidensten Grenzen. Gegendie Nachlaßsteuer an und für sich werden in England kaum Einwendungenerhoben. Es ist nur ihre exorbitante Höhe, welche hier beängstigt und denGrundbesitz und damit den Einfluß der großen Familien, welche Englands tüchtigste Staatsmänner geliefert haben, zu zerstückeln droht. IndirekteSteuern ohne Konzessionen an den Schutzzoll können hier nicht mehrStärker in Anspruch genommen werden, während wir fast noch jungfräu-liche Steuerobjekte in Bier, Tabak und Wein besitzen. Ihr Programm, diebreiten Schultern der Mehrheit durch indirekte Steuern an der allgemeinenLast mittragen zu lassen, anstatt sie allein den chosen few durch direkteSteuern aufzubürden, diese aber in einer mäßigen Nachlaßsteuer auchheranzuziehen, beruht auf einer gesünderen Steüerwirtschaft als die eng-lische und wird weniger als Klassenbesteuerung empfunden. Wenn aber,wie bei uns in Deutschland , jeder die neue Belastung auf den anderen ab-schieben will, so ist das Resultat: nil! Mit Bezug auf den Modus vivendifür eine Flottenverständigung würde ich es vorziehen, zunächst nicht mitGrey, sondern mit Asquith, und zwar rein akademisch und persönlich,ohne Auftrag, zu sprechen. Die Möglichkeit einer Reduzierung unsererFlotte sollte in der geheimsten Kammer unseres Busens bis auf weiteresverschlossen bleiben. Als Verhandlungsobjekt genügt es, mit der Ver-langsamung des Bautempos zu operieren, wobei natürlich von demStandpunkt abgegangen werden muß, daß wir das, was wir in den erstendrei Jahren weniger, in den nächsten drei Jahren wieder mehr bauen wollen.Darin liegt kein Verhandlungsobjekt, sondern höchstens die Vorhaltung,daß die Gefahr mit den Jahren wächst. Eine Verlangsamung des Tempos,mit der sich hier etwas ausrichten läßt, denke ich mir etwa so, daß wirjährlich nicht mehr als zwei Hauptschiffe bauen wollen."

Am 9. Februar 1909 trafen der König und die Königin von England inBerlin ein, wo sie von Kaiser und Kaiserin, dem Kronprinzenpaar und Eduard VII .allen Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses empfangen wurden. ln # er ' lnWährend der Zug langsam in die Halle des Lehrter Bahnhofs einfuhr,sagte der zwischen mir und Tirpitz stehende Botschafter Metternich, der,wie dies der Übung entsprach, für den Besuch der englischen Majestätennach Berlin gekommen war, zu dem Staatssekretär des Reichsmarineamts:Wenn Sie es dem Fürsten Bülow nicht ermöglichen, das von ihm ge-wünschte und angestrebte Flotten-Agreement mit England zustande zubringen, so wird dies wohl das letzte Mal sein, daß ein englischer Königeinem Deutschen Kaiser einen Besuch abstattet." Der König kam, sobalder unsere Majestäten begrüßt hatte, direkt auf mich zu und gab seiner Be-friedigung Ausdruck, mich wiederzusehen. Bei der Galatafel, die abendsim Weißen Saal des königlichen Schlosses stattfand, hieß es in dem Trink-

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