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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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EIN MEDIZINISCHER TERMINUS TECHNICUS

warmem Händedruck seinen Dank.Sie haben", sagte er ihm,durchIhre Kunst, aber auch durch Ihre Hingebung und Herzensgüte der armenKaiserin ihre entsetzlichen Qualen so weit erleichtert, als dies in mensch-licher Kraft stand."

Als die Berliner Zeitungen am nächsten Morgen ohne jedes Zutun vonWilhelm II. amtlicher Seite über den Besuch des Königs von England im Rathaus be-und Renvers richteten, erwähnten einige von ihnen, daß der englische Monarch denProfessor Dr. Renvers, der bekanntlich die Schwester des Königs, dieKaiserin Friedrich , während ihrer letzten Krankheit behandelt hätte,freundlich angesprochen habe. Einer dieser Artikel war ohne Einwirkungvon mir von der Presseabteilung unter den üblichen Zeitungsausschnittendem Kaiser vorgelegt worden. Zornig schrieb Seine Majestät an den Rand:Unsinn! Meine Mutter hat Renvers gar nicht gekannt!" Ich zeigte diesesMarginal vertraulich an Renvers. Er war sehr betroffen.Das ist übel",sagte er,das ist beinahe krankhaft." Er fügte hinzu, daß ihm 1899 nacheingeholter Genehmigung des Kaisers die Behandlung der an einemKarzinom erkrankten Kaiserin Friedrich übertragen worden wäre.Bevorder Kaiser", sagte mir Renvers wörtlich,im Todesjahr der Kaiserin Fried-rich 1901 seine Nordlandreise antrat, empfing er mich zu längerer Unter-redung. Er machte mir zur Pflicht, ihn, sofern sich der Gesundheitszustandder Mutter verschlimmere, so rechtzeitig zu benachrichtigen, daß er sienoch lebend antreffe. Dies ist auch geschehen, und Seine Majestät derKaiser hat mit mir, dem behandelnden Arzt, während der ganzen Agonie,viele Stunden lang am Bett der Sterbenden gestanden." Nach dem Todeseiner Mutter hatte der Kaiser noch eine sehr lange Unterredung mitRenvers über die Natur der Krebskrankheit gehabt. Und nun diesesMarginal! Ich frug Renvers, wie er als Arzt diesen Fall beurteile. Er meinte:Wenn der Kaiser ein gewöhnlicher Patient wäre, würde ich auf Pseudo-logia phantastica diagnostizieren." Als ich weiter frug, was dieser ärztlicheTerminus technicus bedeute, meinte Renvers lächelnd:Hang zum Fabu-lieren, vulgo Lügen I" Wir erörterten, was da zu machen wäre. Der erfahreneArzt, dessen Spezialität Nervenleiden waren, setzte mir auseinander, daßsolche Pseudologie gerade bei Neurasthenikern häufig sei. Man könne damitsehr alt werden, auch vieles betreiben und manches leisten. Dieser Defektsei mit großer, ja glänzender Begabimg durchaus vereinbar. Für ein ver-ständiges Regieren sei die Pseudologia phantastica freilich nicht förderlich.Was dagegen zu tun wäre ? Das habe er, Renvers, mit dem alten LeibarztSeiner Majestät, dem Generalarzt von Leuthold, schon früher öfters be-sprochen. Es gäbe nur ein Heilmittel für Neurasthenie: körperliche undgeistige Ruhe, innere Sammlung, Selbstzucht.Wenn Sie", äußerteRenvers,vom Kaiser erreichen könnten, daß er täglich zwei Stunden