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ENGLISCHE REALPOLITIK
die ihn ebenso zum Leiter eines großen Wirtschaftskonzerns befähigthätten, wie sie ihn zu einem erfolgreichen konstitutionellen Monarcheneines parlamentarisch regierten Weltreichs qualifizierten.
In der Begleitung des Königs befand sich der Lordpräsident des Ge-heimen Rats, der Earl of Crewe, ein Schwiegersohn des Earl of Rosebery ,der 1886 und 1892 Minister des Äußern und 1894 bis 1895 Premierministergewesen war. Lord Crewe war ein guter Typus des vornehmen englischenStaatsmanns, wie sie seit Jahrhunderten mit Common sense, mit Zähigkeitund Festigkeit, mit unerschütterlicher Ruhe, mit traditionellem Verständ-nis für die Voraussetzungen gesunder Realpolitik das englische Weltreichregiert, erhalten und vergrößert haben. Lord Crewe sprach sich mir gegen-über ebenso friedlich und verständig aus wie sein Souverän. Aber auch erbetonte, wie wünschenswert ein Flotten-Agreement zwischen uns seinwürde. Er gebe mir vollkommen zu, daß die englischen Besorgnisse vorder doch noch viel schwächeren deutschen Flotte übertrieben wären. Ichdürfe aber nicht vergessen, daß nicht nur das englische Weltreich, sondernauch das englische Mutterland mit seiner absoluten Sicherheit zur See,seiner Herrschaft über die Meere und seiner Unangreifbarkeit stehe undfalle. England wolle weder die deutsche Industrie noch den deutschen Handel noch die deutsche Schiffahrt, überhaupt nicht das Deutsche Reichschädigen oder gar vernichten. Deutschland sei ja Englands bester Kundeund umgekehrt. Aber gerade weil die Deutschen ein ausgesprochenesOrganisationstalent besäßen, weil die junge deutsche Flotte eine ganz vor-zügliche Flotte sei, wollten die Engländer nicht, daß es ihnen gegenüberDeutschland zur See ginge, wie es 1866 den Österreichern, 1870 den Fran-zosen gegenüber Deutschland zu Lande gegangen war.
Als einige Wochen später im Reichstag der Etat für den ReichskanzlerAnnäherung und die Reichskanzlei beraten wurde, benutzte ich die Gelegenheit, denan England Besuch des englischen Königspaars in seinem harmonischen Verlauf alsvorbereitet ^ j Q j e( j er B ez i enun g glückliches Begebnis zu bezeichnen*. Die vomKönig in Berlin gehaltenen Ansprachen, die durch die englische Thronredeund die bei der Adreßdebatte des englischen Parlaments gehaltenen Redenbekräftigt worden wären, hätten beiden Völkern wieder einmal deutlichzum Bewußtsein gebracht, wie viel Grund sie hätten, sich gegenseitig zuachten und friedlich, in Friedensarbeit miteinander zu wetteifern. Ichfuhr fort: „Das Netzwerk ihrer Beziehungen ist nicht so leicht zu zerstören,soviel auch von mutwilligen Händen daran gezerrt worden sein mag: dennes hat, von allen ideellen Werten abgesehen, seine Festigkeit dadurch er-langt, daß ein großer Teil der Arbeit beider Völker mit hineinverknüpft