DAS ALPHA UND OMEGA
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Rathenaus
worden ist. Es gibt ja kaum zwei Länder, die für ihre nationale Arbeit sosehr aufeinander angewiesen sind wie Deutschland und England ." Ich be-wies, die Statistik in der Hand, daß Deutschland der beste Kunde des Ver-einigten Königreichs wäre: andererseits nehme kein Land von deutscher Ausfuhr so viel auf wie Großbritannien . Aus den von mir angeführten Zahlensprächen Werte, die ihre verbindende Kraft jahraus, jahrein praktischbetätigten. Wie bei uns, so fehle es auch bei einem politisch so reifen Volkwie dem englischen nicht an Fanatikern, die keinen Blick hätten für diegroße Interessengemeinschaft zwischen dem deutschen und dem englischenVolk. Ich bliebe aber der festen Hoffnung, daß es ihnen nicht gelingen werde,einen ausschlaggebenden Einfluß auf das politische Denken der britischenNation zu gewinnen, und die Eindrücke, die ich während des englischenBesuchs in einer Reihe von politischen Gesprächen gewonnen hätte,bestärkten mich in dieser Auffassung, der ich nicht zum erstenmal imReichstag Ausdruck verliehe.
Die Herbeiführung einer Flottenverständigung zwischen Deutschland und England ist diejenige Frage, die mir während der letzten Periode Ein Berichtmeiner Amtszeit mehr als irgendeine andere am Herzen gelegen hat. Im ^ a ' t<?rFrühjahr 1909 erzählte mir Albert Ballin , sein englischer Freund SirErnest Cassel, der König Eduard sehr nahestand, habe ihm wiederumvertraulich geschrieben, unsere Schiffsbauten wären „das Alpha und Omegades englischen Mißtrauens gegen uns wie aller englischen Machinationen".Nicht lange nachher übersandte mir Ballin einen langen und glänzendenBericht, in dem Walter Rathenau ihm seine Eindrücke in und über Eng-land geschildert hatte. Rathenau hob hervor, daß England von zweischweren Sorgen erfüllt wäre, der wirtschaftlichen und der kolonialen. Dieneueren, vorwiegend wirtschaftlich gearteten Industrien, also Maschinen-industrie, chemische Industrie, Elektrizitätsindustrie, beruhten auf zweiFaktoren: Technik und Organisation, d. h. auf der Tüchtigkeit des techni-schen und des kaufmännischen Beamten. England behaupte seine starkePosition noch immer in denjenigen älteren Industriezweigen, die detail-fähige Gebrauchsware lieferten; aber in den modernen Großindustrien,die vermöge erweiterter Arbeitsteilung die fertigmachenden Industrien mitProduktionsmitteln versorgten, bleibe es hinter Deutschland zurück.Andererseits machten sich in den englischen Kolonien immer mehr zentri-fugale Kräfte geltend, denen England nichts entgegenzusetzen habe alsseine Flotte. Mit jedem Schiff, das Deutschland baue, lockere sich ein Steindes britischen Kolonialgebäudes. Gegenüber diesen zwei schweren Sorgenhabe England nur zwei Mittel der Abhdfe. Das eine, der Schutzzoll, seigrundsätzlich durchaus ausführbar, aber vermutlich nicht heilsam, dasandere, die Flottenvermehrung zweckentsprechend, aber vielleicht nicht