so bequem durchführbar, wie es auf den ersten Blick erscheine. England seinicht mehr so ausgabefroh wie früher. Es hieß dann wörtlich: „In hohemMaß beachtenswert ist es, daß beide Sorgen, die industrielle und die kolo-niale, den englischen Blick nach Deutschland hinüberlenken. Hier sitzt derKonkurrent und der Rivale. Aus allen Unterhaltungen mit gebildeten Eng-ländern klingt es heraus, bald als Kompliment, bald als Vorwurf, bald alsIronie: Ihr werdet uns überflügeln, ihr habt uns überflügelt. Und ein drittesgewichtiges Moment tritt hinzu, das wir uns in der Heimat nicht immer ver-gegenwärtigen: die Beurteilung Deutschlands , wie es sich dem Außen-stehenden darstellt. Man blickt von außerhalb in den Völkerkessel desKontinents und gewahrt, von stagnierenden Nationen eingeschlossen, einVolk von rastloser Aktivität und enormer physischer Expansion. Acht-hunderttausend neue Deutsche jährlich! Jedes Lustrum eine additionelleBevölkerung, nahezu gleich der von Skandinavien oder der Schweiz ! Undman fragt sich, wie lange das evakuierte Frankreich dem Atmosphären-druck dieser Bevölkerung standhalten könne. So substantiiert und lokali-siert sich jede englische Unzufriedenheit im Begriffe Deutschland . Undwas bei den Gebildeten als motivierte Überzeugung auftritt, das äußert sichbeim Volk, bei der Jugend, in der Provinz als Vorurteil, als Haß undPhantasterei in einem Umfange, der weit über das Maß unserer journalisti-schen Apperzeption hinausgeht. Es wäre schwächlich und oberflächlich,wollte man glauben, daß kleine Freundlichkeiten, Deputationsbesucheoder Pressemanöver Unzufriedenheiten stillen können, die aus so tiefenQuellen fließen. Nur unsere Gesamtpolitik ist imstande, England wenigstensdiesen Eindruck zu verschaffen, daß von Deutschlands Seite aus keineVerstimmung, keine Furcht, kein Expansionsbedürfnis und keine Offensivebesteht. Die Massen werden hierdurch nicht überzeugt, wohl aber die Re-gierungen im Bewußtsein ihrer Verantwortung erhalten werden." Ich legtediesen Ausführungen um so mehr Wert bei, als Rathenau , sehr ambitiös,sehr besorgt, nicht an Allerhöchster Stelle anzustoßen, im übrigen in diesemPromemoria sichtlich bestrebt war, sich nicht mit den ihm wohlbekanntenAllerhöchsten Wünschen und Ambitionen in Widerspruch zu setzen. Erschloß seine Denkschrift mit einer Wendung, die aus der Feder von Tirpitzhätte fließen können, nämlich mit der Behauptung, daß mit jedem Jahre,das vergehe, das maritime Machtverhältnis sich für uns günstiger gestalteund hierdurch „eine allmähliche Konsolidierung" eintrete. Vorher aberstand der kluge Satz: „Ist es zutreffend, daß seit dem Aufhören derEroberungskriege es vorwiegend ratlose Verlegenheiten gewesen sind,die europäische Konflikte veranlaßt haben, so ergibt sich von neuem derAnlaß, nichts zu versäumen, was zur politischen Beruhigung beitragenkann."
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