DER SÜNDENBOCK METTERNICH
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Ich machte diesen Bericht zum Gegenstand eines längeren Immediat-vortrages bei Seiner Majestät. Der Kaiser stimmte meiner günstigen Be- Briefurteilung der Rathenauschen Denkschrift bei. Aber leider wollte Wilhelm II. des Kaisersnicht einsehen, daß es an der Zeit, ja hohe Zeit war, mit England zu einer an Dulou >vernünftigen Flottenverständigung zu kommen. Je mehr unsere Flotten-bauten England beunruhigten, um so mehr suchte Wilhelm II. nacheinem Sündenbock für diese ihm unbehagliche und sehr unerwünschteStimmung und fand ihn ungerechterweise in unserem früher bei ihm wohl-gelittenen Botschafter in London, Paul Metternich , dem er vorwarf, daßer den englischen Besorgnissen und falschen Vorstellungen nicht mit dernötigen Energie entgegentrete. Ein Niederschlag solcher Verstimmungwar Anfang April der nachstehende Brief Seiner Majestät an mich: „Ichhabe heute, ehe Tirpitz zu Ihnen ging, noch einmal die ganze englische Flotten- und Dreadnought- Schweinerei mit ihm in Gegenwart von Müllerund Plessen durchgesprochen und ihn ermächtigt, im selben Sinne auchIhnen gegenüber sich auszusprechen. Es ist dabei übereinstimmend kon-statiert worden, an der Hand der historischen Daten, daß tatsächlichMetternich einen Teil der Schuld trägt an dem Verfahren der Situation,indem er von vornherein die kolossale persönliche Konzession, die Ichihm zu eventuellem Gebrauch zur Verfügung gestellt hatte, nämlich, daß1912 keine Novelle kommen werde, ohne Grund von vornherein aus derHand gegeben hat, ohne von England die geringste Gegenleistung zuerhalten als ungezählte Lügen, Verleumdungen und Verdächtigungen undGrobheiten. Dadurch ist das Ganze schlecht und falsch ,gemanaged'worden und er, und dadurch wir, in die Ecke gedrückt worden. Weil erstensdie Engländer, trotzdem sie der konstitutionelle Staat par excellence sind,den groben politischen Fehler begingen, in Cronberg unter Überspringenaller konstitutionellen PersönHchkeiten und Gepflogenheiten, also Sie,Schön, Tirpitz usw., direkt den Monarchen und Obersten Kriegsherrn zukoramieren und zu stellen, und zwar ,per Drohung und im Befehlstone':,You must stop building'. Das durfte nicht geschehen, da das kein An-gebot zu Verhandlungen', wie jetzt im Parlament behauptet wurde,war, sondern nur ganz einseitiges Verlangen von England an uns, dasnur so beantwortet werden konnte, wie es geschah. Dieses Verfahrenmußte im Herbst, als man sich Metternich mit allerhand Anfragen undKonversationen, unverbindlich, näherte seitens England , der Botschaftermit aller Schärfe und allem Nachdruck der Regierung in gröbster Formunter die Nase reiben und sie veranlassen, erstmal für das unqualifizierbareBenehmen uns um Verzeihungzubitten. Erstnachdemdas geschehen,konnte man verbindliche Vorschläge von London entgegennehmenund darüber verhandeln. Zweitens: Weü der Botschafter leider das obige