444
RENVERS STIRBT
Reichsverfassung ernennt und entläßt der Kaiser den Reichskanzler;Kaiser Wilhelm II. war somit völlig berechtigt, Bismarck fortzuschicken;also wozu der Lärm ?" Bötticher hätte es nicht schöner sagen können. Auchin einem späteren Buch über die Vorgeschichte des Weltkrieges wird vorallem auf Seine Majestät Rücksicht genommen. Das Buch „Um den Kaiser",das nach dem Novemberumsturz erschien, geht mit dem gestürzten Kaisergrausam ins Gericht. Alle drei Bücher sind ohne bleibenden Wert. Höhersteht das später entstandene Buch „Vom mißverstandenen Bismarck",dessen Titel eine Anleihe bei mir war. Ich hatte in meiner Reichstagsredevom 14. November 1906 gesagt: „Das Dogmatisieren des Fürsten Bismarckist übrigens, das möchte ich doch einmal aussprechen, nicht nur zu einerManie, sondern zu einer Kalamität geworden. Wir laborieren an dem miß-verstandenen Fürsten Bismarck . Da zeigt sich recht unsere deutsche Nei-gung, alles zu einem System zu machen." Auch die jüngste Gabe der Ham-mannschen Muse: „Bilder aus der letzten Kaiserzeit", ist leichte Ware, aberganz unterhaltend. Die in diesen „Bildern" wiedergegebenen Briefe undDirektiven von mir sind nicht auf meine Veranlassung publiziert worden;ich verleugne sie aber nicht.
Bedeuteten die Veränderungen, die in der Umgebung Wilhelms II. undTod des in dem für den Reichskanzler so wichtigen Auswärtigen Amt eingetretenicimrats -waren, eine Erhöhung meiner geschäftlichen Schwierigkeiten, eine Ver-Renvers menrun g ,j er Reibungsflächen, so traf mich der im Frühjahr 1909 erfolgteTod meines lieben Freundes und langjährigen ärztlichen Beraters Renvers,der im besten Mannesalter sterben mußte, als ein persönlicher Schmerz,der mich im Innersten erschütterte. Mit immer gleicher Treue und Güte,mit hoher ärztlicher Kunst hatte er mich während meiner Amtszeit, die sogroße Ansprüche an meine körperlichen Kräfte stellte, beschützt und geleitet.Mit psychologischer Meisterschaft wußte er mich, der ich, von Hause auskräftig, mich bis dahin wenig um meine Gesundheit gekümmert hatte, zurSelbstbeobachtung und zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Erpflegte zu sagen: „Wer nicht mit fünfzig Jahren sein eigener Arzt seinkann, an dem ist Hopfen und Malz verloren." Er hielt auf Maß im Essenund noch mehr im Trinken, auf regelmäßiges dreiviertelstündiges oderwenigstens halbstündiges Turnen, auf Gehen und Reiten. Er war abernicht nur der Arzt des Körpers, er war auch Seelenarzt. In manchen poli-tischen und persönlichen Schwierigkeiten fand ich bei ihm Verständnis undklugen Rat. Er, der mich so gewissenhaft betreute, der so vielen MenschenGesundheit und Leben gerettet hatte, starb eines frühen Todes, weil er eineigenes inneres Leiden vernachlässigte. Er, dessen Diagnose für unfehlbargalt, er, der mir bisweilen scherzend gesagt hatte, die eigentliche Arznei-kunde habe seit Hippokrates nur bescheidene Fortschritte gemacht, sehr