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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER PRESSECHEF VON 1914

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Liebhaber traf. Er mietete ein Zimmer über dem Zimmer, wo die Rendez-vous der Verbebten vor sich gingen, bobrte dort ein Loch durch den Fuß-boden und beobachtete die Vorgänge, die sich unter ihm abspielten unddie. ihn nicht erfreuten. Das Ganze würde einem Boccaccio den Stoff zueiner lustigen Erzählung geboten haben. Leider griff der Staatsanwalt einund erhob gegen den Geheimrat Hammann , der die Korrektheit seinerBeziehungen zu seiner Dulcinea eidlich bekräftigt hatte, Anklage wegenMeineids. Ich wurde von vielen Seiten gedrängt, Hammann vom Dienste zususpendieren. Der furchtsame Staatssekretär Schön weigerte sich, mitHammann zugleich in der Budgetkommission des Reichstags zu erscheinen.

Ich ließ Hammann in dieser bedrängten Lage nicht fallen. Er hatte 6ichmir gegenüber in einem kritischen Moment, nach meiner Ohnmacht imReichstag, treu und tapfer benommen, und es war seit jeher eine meinerLebensregeln, geleistete Dienste nicht zu vergessen. Es wurde ein Auswegdahin gefunden, daß Hammann von sich aus seine Entbindung vom Dienstebis auf weiteres beantragte. Er wurde schließlich freigesprochen, aber eswar entschuldbar, daß er in den bangen Wochen, wo er mit einem Fußim Zuchthaus zu stehen fürchtete, für sein Ressort unter ohnehin schwie-rigen Verhältnissen und bei stürmischer politischer Lage nicht die wün-schenswerte Ruhe und geistige Freiheit besaß. Ich habe übrigens Hammann nicht nur für seine mir am 5. April 1906 bewiesene Treue belohnt, sondernihm dauernd wieder in den Sattel geholfen. Er bbeb auch unter BethmannHollweg und gewann unter diesem einen politischen Einfluß, den er untermir nicht hatte, wo er insbesondere auf dem Gebiete der auswärtigenPolitik nur die für die Orientierung der Presse wünschenswerten Direktivenerhielt, nicht aber tieferen EinbUck in vertraubche außenpolitische Vor-gänge. Ich fürchte, daß Hammann , der für die Behandlung verwickelterdiplomatischer Fragen und nun gar für große Probleme der auswärtigenPolitik weder Erfahrung noch Kenntnis des Auslands noch den unerläß-bchen Takt mitbrachte, im Sommer 1914 zu der mit dem Ultimatum anSerbien eingeleiteten plumpen Politik sein Teil beigetragen hat. Die unglück-bche Bethmannsche Rede vom 4. August 1914 erinnerte mich in Fassung undGedankengang an Hammannsche Entwürfe für offiziöse Presseartikel, dienoch nicht meine Zensur passiert hatten. Die Pressepropaganda währenddes Weltkrieges hat der inzwischen zur Exzellenz avancierte Otto Ham-mann mit wenig Glück geleitet. Die verschiedenen Bücher, die Hammann später über zeitgenössische Politik veröffentlicht hat, stehen unter demEinfluß der jeweiligen Machtverhältnisse in Deutschland . Als sein erstesBuchDer neue Kurs", d. h. der Caprivi-Kurs, erschien, fühlte sich derKaiser noch ganz Herr der Lage. Rebus sie stantibus behandelte Hammann den Sturz von Bismarck in der Tonart eines Offiziösen von 1891:Nach der