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DER FALL HAMMANN
Patriotismus kannte keine Schranken. Er verkörperte die unlösbare Zu-sammengehörigkeit der Rheinlande mit der Monarchie. Persönlich werdeich dem teuren Entschlafenen, der mir seit dem großen Kriege in allenLebenslagen ein väterlicher Freund war, immer das dankbarste und liebe-vollste Andenken bewahren. Meine Frau schließt sich meinen Empfindungenvon Herzen an." Möge der Feldmarschall Loe, der ein ritterlicher Soldat,ein treuer Sohn der katholischen Kirche , ein treuer Diener vier preußischerKönige und dreier deutscher Kaiser, ein glühender preußischer und deutscherPatriot war, den Söhnen der schönsten preußischen Provinz als Vorbild vorAugen stehen, bis einst an dem von Knechtschaft und Schmach befreitendeutschen Rhein sich der Denkstein erheben wird, den wir Walter Loe jetztnur in unserem Herzen errichten können.
Im Auswärtigen Amt hatte ich es schwerer als früher. Herr von SchönVeränderun- war nicht von den Interessen der Geschäftsführung, sondern wie sein Vor-gen im Aus- gänger Tschirschky in erster Linie von dem Gedanken beherrscht, nicht anvärtigen Amt ^H er } 1 5 c { is t er Stelle anzustoßen. Nur daß, im Gegensatz zu Tschirschky,der das vorstellte, was man auf französisch „un rond de cuir" nennt, dasheißt ein Aktenmensch, der auf seinem amtUchen Sessel am Schreibtischseinen Mann steht, le Baron de Schön ebenso unzulänglich wie unzuver-lässig war. Und endlich versagte infolge widriger Privatverhältnisse meinPressechef, Otto Hammann, gerade im letzten Winter meiner Amtszeit.Hammann hatte, bald nachdem ich Staatssekretär geworden war, seineerste Frau auf einer mit ihr im Schwarzwald unternommenen Fußreisedurch einen plötzlichen Tod verloren. Holstein, der, wenn er haßte, zügellosin seinen Verdächtigungen war, wollte, nachdem er sich mit seinem früherenFidus Achates und Kampfgenossen gegen den entamteten Bismarck, demGeheimrat Hammann, überworfen hatte, mir einreden, daß die erste FrauHammann keines natürlichen Todes gestorben sei. Ich habe das nie ge-glaubt und diese Insinuation weit von mir gewiesen. Allerdings soll derKummer über die Liebe ihres Gatten für eine andere das Ende der armenFrau beschleunigt haben. Witwer geworden, drängte Hammann, der nichtwie ein Lovelace aussah, aber offenbar eine leidenschaftliche Seele war, dievon ihm angebetete Dame zur Scheidung. Deren Gatte, der einer der erstenArchitekten in Deutschland war, widersetzte sich. Schließlich kam einArrangement zustande, das einen finanziellen Hintergrund hatte. Diegeschiedene Frau sollte von ihrem bisherigen Mann eine nicht unbedeutendeJahresrente erhalten, unter der Bedingung, daß zwischen ihr und ihremkünftigen Ehemann bis zur Wiederverheiratung keine intimen Beziehungenstattfänden. Der verlassene Gatte war nicht in bester Laune, was sich den-ken läßt. Er war noch immer eifersüchtig, was auch begreiflich ist. Erermittelte durch einen gewiegten Detektiv, wo die Ungetreue sich mit ihrem